Hana Moe Noa Bucht-Französisch Polynesien Mai 1995


Endlich waren wir im Paradies gelandet. Wie oft hatten wir davon geträumt. Damals, zu Hause, an den miesen Nieselregen-Tagen, reisten unsere Gedanken um den Globus, an all diese wunderbaren Orte, auf diesem einzigartigen Planeten. Alle im Handel erhältliche Segelliteratur und alles Videomaterial haben wir verschlungen, um unsere Sehnsucht nach der Südsee zu stillen. Sehnsucht nach dem Meer, nach Palmen und nach den bunt schillernden Korallenriffen.

Trotzdem hatten wir nur eine vage Vorstellung. Kopfkino mit einer Menge fantastischer Filme. Wir waren naiv und unerfahren, hatten keine Ahnung von den Gefahren und Unannehmlichkeiten die eine Segelleben, neben der Schönheit der Natur, mit sich bringt. Und das war nachträglich gesehen auch gut so. Hätten wir vorher gewusst, was auf uns zukommen würde, wären wir, wie viele andere, niemals losgesegelt.
„Wer viel fragt, geht lange irr“, lautet ein Spruch aus meiner Heimat. Man sollte sich daranhalten. Zu viel Wissen schadet dem Unternehmergeist.

Endlich waren wir im Paradies gelandet. Das war sie nun, die ersehnte Südsee. Die Bucht, in der wir lagen, bot einen fantastischen Anblick. Genau so hatten wir es uns immer vorgestellt. Die Oberfläche des Ozeans schillerte über dem schneeweißen Sandgrund in prächtigem türkis. Stachelrochen glitten durch glasklares Wasser am Schiffsrumpf entlang. Am einsamen Strand standen ein paar Palmen, die sich in der leichten Brise sanft bewegten und ein einzelner Laubbaum, dessen Früchte verlockend zu uns herüber strahlten.

„Ist das ein Zitronenbaum?“, fragten unsere Schiffsnachbarn. „Ja, es ist ein Zitronenbaum“, bestätigten sie. „Die Früchte schmecken köstlich, aber zieht euch lange Hosen und ein langärmeliges Shirt an“, wenn ihr an Land geht. Den Rest ihrer Worte verschluckte der Wind. Lange Ärmel? Bei 30 Grad und strahlendem Sonnenschein. Blödsinn. Trotzdem streifte ich meinen Surfanzug über und ruderte mit dem Beiboot an den Strand. Nach der Hälfte der Strecke fing ich an zu schwitzen, streifte das Oberteil ab und ruderte weiter. Schließlich lag das Beiboot am Strand und ich ärgerte mich, dass ich kein Baumwollshirt angezogen hatte, denn die Sonne brannte erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel.

Aber der Zitronenbaum lockte mit seinen Früchten. Unmengen davon lagen unter dem Baum. Warum eigentlich? Wenn sie so gut schmeckten, warum interessierte sich dann keiner der Ankerlieger dafür? Ich füllte meinen Eimer. Plötzlich hüllte mich eine dünne Wolke winziger Insekten ein. Nonos? Wir hatten von ihnen gehört, aber noch nie welche gesehen. Ich vertrieb sie und stapfte zurück zum Beiboot. An Bord mixten wir uns ein Getränk aus dem Saft der Früchte. Es schmeckte köstlich! Den Rest verstaute ich in einem luftigen Netz unter Deck.

Der Abend kam und damit die Zeit des Sundowners. In den Tropen gibt es keine Dämmerung. Nach kurzem, farbenfrohen Schauspiel, fällt die Sonne buchstäblich ins Meer und es ist stockdunkel. Zeit für das Abendessen. Als ich den Spirituskocher in Gang setzte, fing es an. Anfangs war es nur ein leichtes Kribbeln. Minuten später juckte es an allen Hautstellen, die ich am Strand nicht bedeckt hatte. Ich kratzte mich.

Das war ein Fehler, denn dadurch wurde es noch schlimmer. Im Licht der Petroleumlampe zeigten sich unzählige Bläschen an Schultern, Armen und Beinen. Wenn ich sie aufkratzte, rann eine milchige Flüssigkeit heraus. Um die Bläschen herum, war die Haut feuerrot. Der Juckreiz wurde unerträglich. So stellte ich mir Folter vor. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und sprang in der Finsternis über Bord. In diesem Moment hätte selbst ein weißer Hai mit offenem Maul, mich nicht davon abhalten können. Als ich wieder an die Oberfläche kam, stand der Skipper neugierig an der Reling und fragte nach, was in mich gefahren war. Angesichts der Frage schwieg ich lieber. „Nachts würde ich da nicht reinspringen!“ Danke für den Rat, aber der konnte nur von jemanden kommen, den es gerade überhaupt nicht juckte …

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