Tod einer Königin

Wir hatten gerade im Wintergarten zu Abend gegessen. Ich deckte ab und trug das Geschirr in die Küche. Auf dem Weg dorthin, vernahm ich ein dumpfes Brummen, achtete aber nicht weiter darauf. Ich räumte den Geschirrspüler ein, machte sauber und startete die Maschine. Erledigt, dachte ich zufrieden und machte mich wieder auf den Weg in den Wintergarten. Da war es wieder. Nun schon lauter.

Es klang nach einem Insekt. Der Lautstärke nach, etwas Größeres. Ich spitzte meine Ohren und folgte dem Geräusch. Es führte mich an die Fenster des Wohnzimmers. Das Brummen wurde lauter. Die Vorhänge waren zu. Dadurch entzog sich das „Ding“ vorerst meinem Blick. Dann entdeckte ich es. Ein hinter dem Vorhang verborgener, dunkler Schatten. Etwas Schlankes von etwa vier Zentimeter Länge.

Was war das?

Vorsichtig schob ich den Vorhang zur Seite. Und dann sah ich sie. Eine stattliche Hornisse, die nur eines wollte- Raus. Der Größe nach musste es eine Königin sein. Ich schloss den Vorhang wieder. Sie durfte mir nicht entkommen. Hornissen haben nicht gerade den besten Ruf. Ein Stich mit dem bis zu dreieinhalb Millimeter langen Stachel, der mit feinen Haken versehen ist, wird als äußerst schmerzhaft beschrieben, obwohl er harmloser ist, als der einer Wespe. Trotzdem konnte ich auf diese Erfahrung gerne verzichten.

Aber was tun, wenn man wie ich, keiner Fliege etwas zuleide tun kann? Hornissen sind zwar nicht aggressiv, aber man kann sie auch nicht einfach nehmen und nach draußen tragen. Sobald sie sich bedroht fühlen wehren sie sich mit ihrem Stachel, den sie im Gegensatz zu den Bienen, nicht verlieren. Dann fiel mir ein, ich könnte der Königin mithilfe einer Fleischzange die Freiheit schenken.

Gesagt getan. Ich rannte in die Küche, griff mir die Zange, rannte wieder zurück, schob den Vorhang zur Seite und öffnete gleichzeitig das Fenster. Leider ließ es sich nur kippen. Die Königin war leider nicht klug genug, nach oben in die Freiheit zu fliegen. Stattdessen stieß sie wieder und wieder gegen die Glasscheibe.

Und dann tat ich etwas, dass ich nicht hätte tun sollen. Alle Tierfreunde mögen mir inständig verzeihen, denn im Nachhinein, kann ich es mir selbst nicht verzeihen. Ich holte eine Dose Insektizid und richtete die Düse gnadenlos auf die arme Kreatur. Und dann drückte ich ab. Der Strahl traf und das Gift tat seine Wirkung. Als ich diese arme Hornisse um ihr Leben kämpfen sah, begann ich mir unendliche Vorwürfe zu machen. Warum nicht mit Glas und Karton, warum nicht anders, warum so brutal …

Als die Hornisse am Boden lag und ihr langer, schlanker Körper sich krümmte und zuckte, wurde ich unendlich traurig. Ich nahm die Zange, umfasste sie und trug sie nach draußen. Sanft legte ich die Königin auf die Erde. Ich hoffte inständig auf ein Wunder und wünschte mir von Herzen, sie möge sich erholen. Dann konnte ich nicht mehr hinsehen und ging. Hätte ich sie nicht doch besser zertreten sollen, um ihr Leiden zu beenden? Zurück! Aber es war zu spät. Die Königin war tot.

© LoPadi

2 Comments on “Tod einer Königin

  1. ja, warum so brutal? 😉 Abgesehen davon, dass es verboten ist. Bei uns steht immer ein Rettungs-Equipment (Glas mit Karton) im Wintergarten bzw. auf der Terrasse 😉
    lg
    karl

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