Der „Putzi- Blick‘

Es regnet ohne Unterlass. Ich nehme mir vor, ein Buch zu lesen. Beim Betreten des Wohnzimmers entdeckt mein kritisches Auge nichts Auffälliges. Es sieht alles sehr aufgeräumt aus. Das fahle Licht des düsteren Tages tut meinem ‚Putzi-Blick‘ gut. Kein Staub in Sicht. Entspannt fläze ich mich auf das bequeme Sofa und beginne zu lesen. Das Werk besteht aus vielen, vor allem uninteressanten Seiten. Die Handlung ist kompliziert, der Stil anstrengend. Ich muss mich richtig konzentrieren, um nicht den Faden zu verlieren. Ich beginne quer zu lesen, um mir die Längen zu ersparen. Die Geschichte bleibt langweilig. Ich lege das Buch zur Seite.

Exakt in diesem Moment kommt die Sonne hinter den dunkel umrandeten Regenwolken hervor und strahlt durch das frisch geputzte Fensterglas. Ich genieße das Gefühl, eine ordentliche Hausfrau zu sein und nehme das Buch wieder zur Hand. Dabei streift mein Blick zufällig den gläsernen Beistelltisch. Mit einem Schlag verpufft meine Selbstzufriedenheit. Mit Entsetzen nehme ich einen blassgrauen Staubfilm wahr. Nur an einer Stelle glänzt ein sauberes Rechteck in Buchformat. Das kann nicht sein, ich habe gerade erst … ‚Schlampig, schlampig‘, unkt mein schlechtes Gewissen. ‚Du weißt, wie das ist mit dem Staub. Jeden Tag müsstest du- jeden Tag!‘ Ich seufze, erhebe mich und gehe zum Schrank, wo sich jene Utensilien befinden, welche ordentliche Hausfrauen glücklich stimmen.

Auf dem Weg dorthin entdecke ich die nächste Verfehlung. Die Zimmerlinde hat sich still und heimlich von ein paar Blättern getrennt und diese einfach auf den ebenfalls staubigen Boden fallen lassen. Warum habe ich überhaupt noch das Buch in der Hand? Wie es aussieht, komme ich heute ohnehin nicht mehr zum Lesen. Also endgültig weg damit. Und prompt, als ich mich nach den Blättern bücke, naht schon die nächste Katastrophe.

Hinter den Blumentöpfen hockt ein luftig leichtes Knäuel aus Staub, Flusen und Haaren. Ein Lurch! Widerlich. Nach und nach legt die unbarmherzige Sonne weitere unappetitliche Details frei. Brösel auf der Polstergarnitur. Wie oft muss ich meinem Mann noch sagen, dass … es folgt dunkler Staub auf hellen Flächen und heller Staub auf dunklen Flächen. Urplötzlich verwandelt sich ein düsterer, aber entspannender Regentag in ein sonniges Horrorszenario.

Überall sichtet der ‚Putzi-Blick‘ unfassbar schmuddelige Details. Dabei habe ich längst nicht alles gesehen und statt ein Buch zu lesen, kratze ich nun die Krümel vom Möbelstoff. Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung landet der ganze Unrat schließlich in den Abfalleimer. Nun noch den Staubwedel geholt und …

Aber so plötzlich wie die Sonne gekommen ist, verschwindet sie hinter der nächsten Regenfront. Der Wind hat gedreht und die Regentropfen prasseln gegen die frisch geputzten Scheiben. Na toll. Statt Entspannung nur Frust. Ist das überhaupt normal? Brauche ich eine Therapie? Vielleicht ist er heilbar, – der ‚Putzi Blick‘.

© LoPadi

Aus dem Buch: Kreisky, Sinowatz und eine Bar …

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