Vor kurzem war ich Gast beim Filmfestival Zell am See. Dort lernte ich den serbischen Filmemacher Ognjen Petkovic kennen. Sein Kurzfilm ‚ÄěHide and Seek“ hat mich tief bewegt und schockiert. Er hat mir bewusst gemacht, wie privilegiert wir in Friedenszeiten leben und wie sehr wir uns daf√ľr einsetzen sollten, dass es so bleibt. Da ich den Kurzfilm im Internet nicht finden konnte, erz√§hle ich euch die Geschichte …

Die Szene wirkt bedr√ľckend. Das Set apokalyptisch. Die Kamera zoomt zwischen den M√ľll hindurch auf einen Jungen. Nicht √§lter als Zehn. Er tr√§gt eine Gasmaske. Laut ruft er ‚Äě15, 16, 17, 18, 19.‚Äú Das Aufsagen der Zahlen im Sekundentakt erinnert mich an meine Kindheit. Es erinnert mich an ‚Äěverstecken spielen.‚Äú Nur scheint es hier fehl am Platz.

Nächste Einstellung; ein zweiter Junge in ähnlichem Alter rennt durch die trostlosen Gänge des zerstörten Gebäudes. Er lugt hinter einen Plastikvorhang und stört eine verwahrlost aussehende Frau am Klo. Mit ärgerlichem Gesichtsausdruck zieht sie den verdreckten Fetzen wieder zu.

Szenenwechsel; die Kamera schwenkt auf einen L√∂ffel, in den Wasser aus einem gro√üen Plastikkanister rinnt. Der Kanister ist nun leer. Der L√∂ffel wird behutsam an den Mund eines Verwundeten gelenkt. Dessen Kopf ist verbunden und das Gesicht blutverschmiert. Er liegt auf einer nackten Holzbank. Seine trockenen Lippen √∂ffnen sich langsam, um die feuchte Kostbarkeit aufzunehmen. Ich merke, wie ich die Luft anhalte, weil ich f√ľrchte, es k√∂nnte ein Tropfen versch√ľttet werden. Nun wird mir klar. Es herrscht Krieg.

Die Frau, deren h√ľbsches Gesicht in absurdem Kontrast zur verw√ľsteten Umgebung steht, legt sieben Streichh√∂lzer auf eine Kiste, nimmt ein gro√ües Schlachtermesser und macht damit ein H√∂lzchen ein St√ľck k√ľrzer. Dann mischt sie die Streichh√∂lzer und l√§sst sechs Menschen- allesamt Frauen je eines davon aus ihrer Hand ziehen. Noch begreife ich nicht, wozu das Ganze gut sein soll. Trotzdem halte ich den Atem an. Eine nach der anderen zieht vorsichtig und angespannt ein Streichholz. Die Frau aus dem Klo verweigert. Die Sch√∂ne zieht f√ľr sie.

Der Zufall trifft eine Frau, die ihr Baby im Arm h√§lt. Stumm und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck √ľbergibt sie das Kind der Sch√∂nen, nimmt den leeren Kanister und geht. Vorsichtig bahnt sie sich einen Weg durch den Schutt des riesigen Fabrikgel√§ndes. Sie wirkt entschlossen und achtet gespannt auf jedes Ger√§usch. Dann tritt sie ins Freie, verbirgt sich aber schnell hinter einer sch√ľtzenden Mauer. Sie sucht Deckung. Aber warum? Die Kamera schwenkt auf einen Gewehrlauf, der aus einem Fenster gegen√ľber ragt.

Gegen√ľber wartet der Feind darauf, Menschen die Wasser holen, nach pervertiertem Gutd√ľnken zu t√∂ten. Sie wirft den Kanister aus der Schusslinie. Dann rennt sie ihm hinterher. Ich halte den Atem an, aber sie schafft es und erreicht einen Brunnen. √úber ein schweres Holzrad holt sie schwer atmend den Eimer hoch. Er ist durchl√∂chert. Sie denkt nach. In rasender Eile rei√üt sie sich die Bluse vom Leib, stopft sie in den Eimer, l√§sst ihn hinab und holt so Tropfen um Tropfen aus dem Brunnen. Danach schleppt sie den schweren Kanister wieder zur√ľck. Dort vor dem Eingang lauert der Tod auf sie.

Szenenwechsel. Ein Schuss. Die Frau sitzt mit ihrem Baby in der Ruine. Die Sch√∂ne bereitet die Z√ľndh√∂lzer vor. Es sind nur mehr drei.

Ein Kurzfilm aus Serbien von Ognjen Petkovic

© Lo Padi

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