Der Briefträger und sein Schutzengel

Jeden Tag brauste er heran. Fritz der Briefträger. Mit seiner Puch MS 50. Meistens war Fritz schon etwas unsicher auf den Rädern, versuchte aber trotzdem seine Würde zu bewahren. Fritz war sich seines Status bewusst, denn ein Briefträger war damals noch wer.

Meine Oma, die im übrigen außerordentlich neugierig war, wurde, bevor er kam, immer ganz unruhig, denn sie konnte es kaum erwarten, Fritz über die neuesten Gerüchte auszufragen. Wenn es dann endlich soweit war, holte sie ein Stamperl von der Kredenz und füllte es mit Obstler. Weil meine Oma recht klein war, musst sie sich immer recken und strecken um die Schnapsflasche zu erreichen, denn die stand zur allgemeinen Sicherheit ganz oben.

Ich war auch immer ganz aufgeregt, denn der Fritz brachte außer der Zeitung und vielleicht einem oder zwei Briefe, viele interessante Geschichten mit. Das liebte meine Oma, denn sie war, wie ich schon sagte, außerordentlich neugierig. Wenn dann der Fritz endlich vom Moped stieg und mit seiner großen schwarzen Posttasche vor ihr stand, strahlte sie ihn an und er strahlte mit leicht glasigem Blick zurück.

Er war groß, von hagerer Statur und sah ziemlich durchschnittlich aus. Wie so viele damals, trug er ein „Adi- Oberlippen-Bärtchen“. Ich fand das ziemlich komisch, aber er fühlte sich sehr bedeutend damit.

Danach überreichte er die Post, schmiss anschließend seine Tasche in die Ecke und ließ sich mit einem „ich bin so frei„ hinter dem Schnaps auf der Bank nieder. Meine Oma setzte sich dazu und manchmal durfte ich sogar bleiben und zuhören. Weil Omas Schnaps ja nicht der erste war, den Fritz sich an diesem Tag hinter die Binde kippte, wurde er gleich gesprächig.

Und dann ging es dahin, mit Schnaps, Klatsch und Tratsch. Alles wurde besprochen. Geheime Liebschaften, Raufereien, Tod und Teufel. Das dauerte mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger. Fritz war eine der wenigen Informationsquellen, die wir damals in den Dörfern hatten. Und er wusste ganz viele intime Details.

Dann sagte meine Oma; „Jetzt hörst du aber weg, das ist nichts für dich, Kind!“ Jetzt sperrte ich meine Ohren erst recht auf, denn genau das war am interessantesten. Wenn Fritz dann fertig war, war es selten bei einem Schnaps geblieben und ich wunderte mich oft, wie er jeden Tag die Runde ohne Unfall schaffte.

Wir waren ja nicht die Einzigen, die er mit Nachrichten versorgte und überall trank er ein Stamperl oder mehr. Trotzdem ist ihm nie etwas passiert. Ich habe meine Oma oft gefragt, ob sie sich den keine Sorgen macht, dass Fritz vielleicht eines Tages nicht mehr kommt und es vorbei sein wird, mit den interessanten Geschichten.

„Ach was, meinte sie, erst wenn er in Pension geht. Weil Betrunkene und Kinder haben einen ganz besonderen Schutzengel.“ Und sie sollte recht behalten.

© LoPadi

2 Comments on “Der Briefträger und sein Schutzengel

  1. Eine sehr schöne Geschichte. 🙂
    Ja, damals hatten die Menschen noch Zeit füreinander.

    Liebe Grüße,
    Werner

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