„Mach den Mund auf“

Eines der dunkelsten Kapitel meines Lebens war mein erster Besuch beim Zahnarzt.

Meine Oma, die schon einiges von mir gewohnt war, ahnte damals noch nicht, was auf sie zukommen würde. Ich schon. Mein Vorsatz war, keinesfalls den Mund zu öffnen und dass, obwohl ich Zahnschmerzen in einem Ausmaß hatte, das ich bis dato nicht kannte. Meine Backe war dick geschwollen und im Zahn schlug ein unsichtbares rabiates Tier mit einem Hammer auf meinen Nerv. Ich hatte ganz verquollene Augen vor lauter Schmerzweinen.

Ein paar Mal war ich schon beim Zahnarzt gewesen. Besser gesagt im Wartezimmer, in dem ich mit meiner Oma saß, wenn sie wieder einmal Probleme mit ihrer Prothese hatte. Da lagen auch diese wunderbaren Zeitschriften mit den vielen bunten Bildern. Die gab es zu Hause nicht und ich freute mich jedes Mal darauf, in diese wunderbare Bilderwelt einzutauchen. Leider holte mich das entsetzlich hohe und sirrende Geräusch des Bohrers in die Realität zurück.

Mit dem Bohrer kam die Panik. „Es tut gar nicht mehr so weh, sollen wir gehen?“, fragte ich. Der Blick meiner Oma sagte dramatisch mehr als tausend Worte. Nun war klar, ich musste da rein, auf diesen schrecklichen Stuhl, zu diesem strengen Mann mit der Brille, der mir ganz sicher weh tun würde.

Schließlich war es so weit. Die Tür zum Behandlungsraum ging auf und ein junges Fräulein rief „der Nächste bitte“. Eigentlich war ich furchtlos-kletterte auf die höchsten Bäume, schwamm in reißenden Bächen und raufte mit den stärksten Buben, aber da hinein – das machte mir Angst. Nun lag es bei mir, das Schlimmste abzuwenden und meinen Plan umzusetzen.

Oma nahm meine Hand, schritt resolut durch die Tür und zog mich zum „Marter-“ Stuhl. Sie musste sich anstrengen, denn ich bockte. Der Zahnarzt schaute mich streng an. Zur Oma war er freundlich und sagte, dass er sich freue sie zu sehen und wie es meinem Opa geht, denn der war Jagdkollege. Man möge schöne Grüße ausrichten. Ich war ihm egal. Das kränkte mich. Immerhin war ich das erste Mal auf diesem Stuhl.

Dann kam das Kommando: „Mund auf“ Ich verzog keine Miene. „Du musst den Mund aufmachen, sonst kann ich dir nicht helfen”. Mein Mund blieb zu. Ich presste meine Lippen ganz fest aufeinander. Niemand würde sie auseinander bringen. Schon gar nicht er. So ging es einige Zeit dahin. „Mund auf“, ich stur. Meine Oma verlor die Contenance. „Kind, mach endlich den Mund auf“, schimpfte sie. Aber so war ich schon immer. Stur wie ein Bock. Wenn ich mir was vorgenommen hatte, konnte mich niemand davon abbringen. Mein Mund blieb zu. Basta!

Oma sprach bis nach Hause kein Wort mit mir. Erst als sich die Haustür hinter uns schloss, ging das Donnerwetter los. Sie hätte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so geschämt, jammerte sie. Wer meine Oma kannte, wusste was das bedeutete. Schon bald begann es in meinem Zahn wieder zu pochen. Mein Vorsatz begann zu wanken. Und irgendwann, als die Schmerzen nicht mehr zum Aushalten waren, gab ich nach. Schweren Herzens. Aber es musste sein.

© LoPadi

5 Comments on “„Mach den Mund auf“

  1. Beim Lesen habe ich schon fast Zahnschmerzen bekommen. Wer kennt solche Erlebnisse nicht. Warum haben so viele Menschen Angst vor dem Zahnarzt. Selbst Erwachsene. Wo er doch nur helfen will.

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  2. ….. und wie war es????? Sicher nicht so schlimm wie die Schmerzen 😊
    Aber: Ich kenne das. Ich zittere heute noch wie Espenlaub wenn ich auf dem Stuhl sitze. Da hilft es auch nicht, dass mein Zahnarzt einen pinkfarbenen hat.

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  3. Früher waren die Zahnärzte viel brutaler als heute und für Kinder fehlte ihnen das Feingefühl …

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  4. Die Schmerzen waren so groß, dass die Behandlung auch keine Rolle mehr spielte. Heute habe ich das Glück, an einen wahren Meister seines Faches geraten zu sein. Ich bin durch ihn viel entspannter. Es ist wie in jedem anderen Berufsstand auch. Nur jeder Zehnte hat wirklich was drauf …

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