Kinder des Meeres ðŸ‘£

In der milden Nachmittagssonne des Frühherbstes genossen wir am Strand von Vrsar, auf der Terrasse eines Kiosk bei einem Glas Malvazija, die letzten Urlaubstage. Auf der wenig bewegten Wasseroberfläche flirrte das Licht. Die müßige und träge Stimmung dieses Momentes entspannte mich. Ich fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr und schloss die Augen. Wie ich so dahin döste, radelte eine Kindergruppe im Alter zwischen vier und zehn heran und machte an der Mauer des Kiosk halt. Jetzt ist’s vorbei mit der Ruhe, dachte ich. Aber ich sollte mich täuschen.

Die Kinder lehnten ihre Fahrräder schweigend und vorsichtig an die Mauer oder legten sie in den Sand. Unwillkürlich sah ich mich nach einer Erwachsenenbegleitung um, aber niemand war zu sehen. Die kleine Gruppe war völlig auf sich gestellt. Irgendetwas war ungewöhnlich. Ich kam nur nicht gleich darauf, was. Dann begriff ich. Es war die Gelassenheit und Ruhe, mit der alles ablief. Nachdem alle ihre Räder verstaut hatten, nahmen sie ihre Helme ab und unterhielten sich unaufgeregt und ohne jegliches Geschrei. Fast wie kleine Erwachsene, dachte ich. Das erstaunte mich.

Die älteste, ein etwa zehnjähriges Mädchen kramte in einer Geldbörse und prüfte deren Inhalt. Dann richtete sie ein paar kurze Worte an die Gruppe und schritt entschlossen in Richtung Kiosk voran. Die Kinder folgten in erwartungsvoller Haltung und mit Vorfreude erhellten Gesichtern. Vor der Kühltruhe brachten sie sich in Positur. Aufmerksam studierten die Wartenden das Plakat mit den Eissorten, bis auch sie endlich an der Reihe waren. Als auch die Letzten das ersehnte Eis in Händen hielten, zeigte die Älteste entschlossen in Richtung Strand.

Die kleine Truppe setzte sich wieder in Bewegung und wanderte mit ihrer jungen Anführerin an das Ufer des Meeres. Die Kinder wirkten dabei so selbstständig und entspannt, wie ich es selten erlebt habe. Wenn die Jüngsten, mit ihren noch ungeschickten Händen die Eisverpackung nicht öffnen konnten, halfen ihnen die Älteren unaufgefordert und geduldig. Die Jüngeren wurden ganz selbstverständlich umsorgt. Die Älteren schienen sich ihrer Verantwortung voll und ganz bewusst. Niemand quengelte, niemand schrie.

Schließlich standen alle genüsslich ihr Eis schleckend, am Strand, den Blick auf den Horizont gerichtet. Schleierwolken dämpften das Sonnenlicht, das schimmernde Meer, welches sich in den Kindergesichtern spiegelte, verlieh der Szene etwas Zauberhaftes. Die einen blieben am Strand, andere wiederum zogen sich auf die Mauer vor dem Kiosk zurück. Diese Kinder gefielen mir. Selbstständigen kleine Menschen, mit großem Urvertrauen. Sie waren auf beeindruckende Weise Kind, ohne Smartphone, ohne hysterisches Geschrei und sehr selbstständig. Sie waren völlig anders, als das was ich gewohnt war und ich überlegte warum. Wann ich ein solches Verhalten bei Kindern zuletzt beobachtet? Ich überlegte lange, aber ich konnte mich nicht erinnern.

Herbstlicht

Kinder des Meeres…

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