Die Neue …

„Hallo, ich bin die Lo“. Die fremde Dame musterte mich mit jenem Scanner Blick, den nur Frauen beherrschen. „Hallo, freut mich“, säuselte sie. Ihre Körpersprache verriet das Gegenteil, denn mein Scanner lieferte stets zuverlässige Daten. Die Nette, wie mein Mann sie beschrieben hatte, war in Wirklichkeit gar nicht so nett. Frau spürt das sofort. Als neue Partnerin eines Jahrzehnte lang verheirateten Mannes fühlte ich mich ohnehin unwohl und diese Nette machte es nicht besser. Heute wurde ich einigen der BESTEN FREUNDE aus der Vergangenheit vorgestellt. Zäh!

Gerade von den Damen wurde man genauestens begutachtet und verglichen. Die Fragen waren stets die gleichen. Wo man sich den kennengelernt hat, wie den das gewesen ist, wie lange man sich kennt, woher man kommt, was man beruflich macht und so weiter. Das war allerdings noch die freundliche Variante, denn immerhin zeigte man sich interessiert.

Heute war es anders. Ich wurde geflissentlich ignoriert. Alles drehte sich nur um meinen neuen Schatz. Ich saß da wie eine Idiotin, eine unsichtbare Idiotin, denn selbst für den neuen Mann an meiner Seite, schien ich nicht zu existieren. Immerhin schenkte mir der Kellner kurz seine Aufmerksamkeit, wenn auch nur geschäftlich, denn er fragte nach meinen Wünschen. Ich bestellte ein Glas Wein, obwohl mir nach Schnaps zumute war und überlegte, wie ich mich in die fröhlich plaudernden Tischrunde einbringen könnte.

Die Künstlerklause, wie mein Geliebter sie beschrieben hatte, entpuppte sich als düstere nikotingeschwängerte Kneipe, deren dichte Rauchschwaden den Raum noch dunkler erscheinen ließen. Die abgegriffene Einrichtung war im Stil des süddeutschen Barocks gehalten und das mit Samt bezogene Mobiliar verströmte den typischen Gestank kalten Zigarettenrauchs und sonstige undefinierbare menschliche Gerüche.

Wieder hörte ich den weiblichen Part der fröhlichen Runde flöten: „Wie geht es deinen Kindern?“ Fragt man das, wenn die neue Partnerin des besten Freundes daneben sitzt? Ich würde das niemals tun. Danach folgte ein minutenlanger Austausch von Bildern via Smartphone und überschwängliche Lobpreisungen über den genetischen Fortbestand des Geliebten. Ab und zu schenkte mir mein neuer Geliebter, ganz bei den Enkerl, einen glücklicher Blick. Leider nur kurz. Blut ist eben dicker als … Die Gruppe wurde mir immer unsympathischer. Mich ließ man weiter links liegen.

Fieberhaft suchte ich nach einem Ausweg aus dieser unangenehmen Situation. Meine Blase kam mir zu Hilfe. Ich entschuldigte mich leise und verzog mich auf die Toilette. Auch das schien ihnen herzlich egal zu sein. So verschwand ich im Nebel des verrauchten Lokals und dehnte meine Sitzung so lange wie möglich hinaus. Da saß ich nun und dachte nach. Schließlich raffte ich mich auf und stellte mich der Meute. Und was soll ich sagen, einfach war es nicht, aber ich habe es geschafft und heute sind wir tatsächlich Freunde.

Wenn da mal keine Neue kommt …

© LoPadi

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