Selbstheilung

Es gab eine Zeit, da war ich nicht ich selbst. Zweifel beherrschten meinen Tag, Angst die Nacht. Mein Job, war mein Leben und nahm mich völlig ein. Als williges Instrument ließ ich es zu. Ich hastete von Termin zu Termin, von Besprechung zu Besprechung. Als verlängerter Arm eines Despoten war ich die Überbringerin der schlechten Nachrichten und das tat ich mit pragmatischer Distanz denjenigen Menschen gegenüber, die es betraf.

Wenn mich jemand fragte, wie ich es mir dabei ging, tagtäglich das unmögliche zu fordern, um das mögliche zu erreichen, antwortete ich: „Das ist mein Job.“ Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich, dass ich Fragen dieser Art als Anmaßung empfand, denn ich tickte wie eine Maschine, die auf maximalen Output programmiert war. Ich fühlte mich ferngesteuert, was ich mit Sicherheit auch war. Schon seit meiner Kindheit war ich auf Leistung getrimmt.

Ich trieb es auf die Spitze. Eine 60 Stunden Woche wurde zur Normalität. Ich schaffte es nicht mehr mich zu entspannen. Mein Mann selbst ein Workaholic – bemerkte es nicht. Zumindest glaubte ich das bis zu dem Tag, an dem er fortging. Nach 21 Jahren. Ohne Vorwarnung. Das riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich fiel in ein tiefes Loch. Schwer angeschlagen brach meine Leistung ein. Alles verlor seinen Sinn. In zwei Wochen nahm ich 15 Kilo ab. Ich war ein Schatten meiner selbst. Die Geier unter den Kollegen warteten schon. Sie hakten ein, sie nutzten ihre Chance und booteten mich aus.

Dann kam der zweite Schlag-die Kündigung. Die Begründung war fadenscheinig und lapidar. Ich wusste, wer und was dahintersteckte, aber ich konnte mich nicht wehren. Acht Jahre Höchstleistung für nichts. Erst verfiel ich in Schockstarre, dann raffte ich mich auf und begann mit der Jobsuche. Ich schrieb unzählige Bewerbungen. Nebenbei jobbte ich als Aushilfskraft, besuchte Kurse und schrieb mir den Kummer von der Seele. Die Getriebene in mir trieb mich weiter voran.

Ich fand eine neue Liebe und hatte plötzlich zwei Jobs zur Auswahl. Geläutert wählte ich den scheinbar bequemeren. Das entpuppte sich als Fehlentscheidung. Abermals fürchtete ich die neue Liebe und mich selbst zu verlieren. Dennoch biss ich durch. Ich ging zum Hausarzt. Er verschrieb mir Pillen gegen die Unrast. Daraufhin verlor ich die Lust an allem. Dieser Zustand war mir zuwider. Die Pillen waren es auch. Ich fragte nach Alternativen. Der Arzt riet mir zu einer Kur. Ich hasste Kuren. Dennoch reichte ich den Antrag ein. Die Kur half nicht.

Aus Angst, dass etwas in meinem Kopf nicht in Ordnung sein könnte, ging ich zum Neurologen. Der stellte fest, dass alles in Ordnung war. Warum es mir so schlecht ginge, läge an den Umständen. Dennoch verschrieb auch er mir Pillen. Diese machten mich endgültig fertig. Dann, ganz plötzlich begann sich etwas in mir zu wehren. So konnte es nicht weitergehen. Endlich begriff ich, was zu tun war.

Ich änderte die Umstände, ließ die Pillen ausschleichen und schaffte es schließlich mich selbst zu heilen.

© LoPadi

Auszug aus meinem neuen Buch; ‚Mach den Mund auf‘, welches in den nächsten Wochen erscheint.

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: