„Maaaiiin Gooott“

Er war um die vierzig, von kleiner aber kräftiger Statur, das Haar rabenschwarz, der Teint leicht gebräunt, das Grinsen wie aus einer Zahnpasta-Werbung. Vom ersten Tag an beherrschte er uns. Otto. Ein außergewöhnlich gut informierter Reiseleiter mit schauspielerischem Talent. Er hatte etwas sehr lehrerhaftes an sich und war ein ziemlicher ‚Schmäh-Führer‘. Am ersten Tag nach der Ankunft, und 11 Stunden Flug in einer Tiefkühl-Boing, drohte er uns schon während der Busfahrt in das Hotel mit einem Wissensquiz und einer Prüfung, die uns jederzeit und ohne Vorwarnung ereilen konnte.

Somit war er mir in der Sekunde unsympathisch, denn ich habe Aversionen gegen jegliche Prüfungen und Hallo-wir waren schließlich im Urlaub und nicht in einer Schule! Ich sah meinen Mann genervt an, der reagierte aber nicht und so beschloss ich, mich von der Realität zu verabschieden und ein wenig zu dösen. Das wiederum funktioniere nicht, denn die Klimaanlage war genauso eisig wie im Flugzeug, sodass mich das Klappern meiner Zähne am Einschlafen hinderte.

„Wie heißt die Hauptstadt von Costa Rica?“, plärrte Otto in das Bus Mikro. OK, dachte ich, das ist leicht und wollte antworten, aber da brüllte schon ein Ehrgeiziger in der vordersten Reihe „San José“. Boa, wie in der Schule. Erste Reihe – Streber! Darauf der Otto: „Super, sääähr gut, aber das war leicht! Wie viele Einwohner hat San José?“ Schweigen. Irgendetwas mit 200.000 hatte ich in Erinnerung, aber ich sagte nichts, denn ich wollte mich nicht blamieren.

„Maiiin Gooott – 340.000“, rief Otto und rollte dramatisch mit den Augen.

So ging es während der gesamten Rundreise. Wenn wir seine Fragen nicht beantworten konnten, rief er mit gespieltem Entsetzen „Maaaiiin Gooott“ und kündigte eine Nachprüfung an. Mit der Zeit verstanden wir, was Ottos Hilfeschrei an Gott bedeutete. Er mochte keine unwissende ‚Gringos‘, was bei den Costaricanern so viel wie ‚blond‘ oder dämlicher Ausländer bedeutete. Natürlich dachte er das nicht im Ernst. Dennoch entwickelte die Gruppe im Lauf der Reise den Ehrgeiz, alle Fragen Ottos richtig zu beantworten. Das war der Beweis für sein pädagogischen Talent.

In den zwölf Tagen, die wir zusammen verbrachten, lernten wir sehr viel über Costa Rica. Wir erlangten einiges Insider-Wissen über dieses wunderschöne Naturparadies. Otto lieferte interessanten Stoff mit vielen Geschichten und Anekdoten abseits der 0815 – Reiseleiter-Informationen. Wir lernten Land und Leute mit spannenden, geschichtlichen Hintergründen kennen. Wir wurden gute Schüler. Nach zwei Wochen waren wir ‚Experten‘. Für mich ist genau das der Sinn des Reisens. Öfter einmal hinter die Kulissen des Landes zu schauen, interessante Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen, zu staunen und zu lernen.

All das konnte dieser selbstbewusste Mann vermitteln. Otto war vielleicht nicht ‚Sympathie auf den ersten Blick“, aber auf den zweiten. „Maiiin Gooott“, man kann sich auch mal irren …

© LoPadi

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