Der Teufel …

Aufgeregt stand der Junge vor seiner Mutter und rief mit weit aufgerissenen Augen: „Mutter, Sie haben ihn gefangen. Komm schnell, wir müssen ihn sehen!“ Während die Worte aus dem Jungen heraussprudelten, zog er an ihrer schmutzigen Schürze und versuchte sie mit aller Gewalt von der Feuerstelle wegzuziehen. Unwillkürlich straffte sich ihr Körper. Sie war hellwach und alarmiert. Besorgt sah sie auf den erregten Jungen hinunter. „Wen willst du sehen?“, fragte sie in beiläufigem Ton, obwohl bereits eine Ahnung in ihr aufstieg.

„Den Teufel mit den vier Hörnern“, antwortete er mit vor Aufregung bebender Stimme. Sie löste die Hände ihres Jungen von der Schürze, umfasste sie sanft, sah ihm tief in die Augen und sagte mit ruhiger Stimme: „Es gibt keinen Teufel“. Dann wandte sie sich wieder dem Kessel mit der dampfenden Suppe zu.

„Aber was ist es dann?“, fragte der Junge und zog abermals an ihrer Schürze. Sie seufzte und schaute nach oben auf die rußgeschwärzte Decke, als könnte sie dort die Antwort finden.

Schließlich sagte sie mit traurigem Unterton: „Ich weiß  es nicht, mein Junge, ich weiß es nicht.“ Ein plötzliches und beklemmendes Gefühl engte ihren Brustkorb ein, aber sie riss sich zusammen, und lächelte zärtlich auf ihren geliebten Sohn hinab.

Niemand hatte diesen ‚Teufel‘ wie sie ihn alle nannten, jemals genau gesehen. Es gab nur Gerüchte und bei den Beschreibungen ging die Fantasie mit den Menschen durch. Sie glaubten gesehen zu haben, was sie sehen wollten. Ein Ungeheuer, eine gefährliche Bestie, ein wildes Tier. Für manche war das Wesen eine Ausgeburt der Hölle.

Das unheimliche Wesen sei von kleiner, gedrungener Gestalt, behaupteten jene die es angeblich gesehen hatten. Vollständig behaart sei es, muskulös und kräftig. Es laufe schnell und auf allen Vieren. Mehrere Hörner krönten den mächtigen Schädel und am Kinn wuchere ein langer Bart.

Die Zeiten waren hart, man glaubte nur zu gerne an Ungeheuer aus den Tiefen der Erde und die Kirche befeuerte diesen Aberglauben und schürte die Angst.

„Mutter, bitte komm mit!“, bettelte der Junge. Sie wusste, er würde nicht locker lassen. Schließlich gab sie nach und hob den Kessel von der Feuerstelle, stellte ihn beiseite, wusch sich die Hände in einem Holzzuber und folgte widerwillig ihrem Sohn, der ungestüm voraus rannte. Seine bloßen Füße klatschten auf dem regennassen Boden und manchmal hatte sie Angst, er würde sich Genick, brechen, wenn er ungestüm den schmalen Pfad entlang sauste, über Baumwurzeln stolperte, sich blitzschnell wieder hochrappelte und weiter rannte. Zwischendurch blieb er stehen und sah ungeduldig nach seiner Mutter, die sich bemühte mit ihm Schritt zu halten.

Sie liebte diesen Jungen. Er war das Einzige, der ihr geblieben war, seit ihr Mann im Wald beim Holzfällen von einem Baum erschlagen wurde. Er starb im selben Jahr, in dem der Junge geboren wurde. Nur mit Mühe und Schinderei bei den umliegenden Bauern konnte sie sich und den Jungen über Wasser halten.

Als sie dem Dorfplatz näher kamen, hörten sie den Lärm der aufgebrachten Menschenmenge. Manchmal mischte sich ein leises Wimmern und Knurren und dumpfe Schläge in das Gegröle. Wirre Gedanken rasten durch den Kopf der Mutter. Konnte es sein?  Es war so viele Jahre her. Und wenn; was hatten sie und ihr Mann damals für eine Wahl gehabt? Keine Arbeit, wenig Brot. Und dann diese Ausgeburt der Hölle in den blutigen Bettlaken. Niemals würde sie das Entsetzen in den Augen der Hebamme vergessen – die seltsamen Schreie des Neugeborenen …

Der Holzkäfig, in dem das Wesen kauerte, befand sich auf einem Wagen, der vor zwei Ackergäule gespannt war. Die Pferde blieben auch dann ruhig, wenn die Kreatur vor Angst aufschrie und sich aus dem Holzkäfig zu befreien versuchte. Die Menschen johlten und ballten die Fäuste. Sie warfen mit Unrat und einige schrien: „Hängt ihn auf!“

Der grausame Wunsch kam von ungebildete Bauern, die arm und abergläubisch waren. In diesen düstere Zeiten, mit ihren Kriegen und großer Armut kam ihnen ein Sündenbock gerade recht.

Die behaarte Kreatur kauerte verängstigt in einer Ecke des Käfigs und die Mutter, die sich neugierig genähert hatte, sah das Weiße in den in Panik geweiteten Augen. Als sie den Anblick nicht länger ertragen konnte, wandte sie sich um, suchte die Hand ihres Sohnes und zog ihn energisch vom Platz.

„Es ist genug, wir gehen“, sagte die Mutter bestimmt.

„Nein, ich will hierbleiben“, protestierte der Junge.

Sie beugte sich hinunter und flüsterte in sein Ohr: „Wenn du mitkommst, verrate ich dir ein großes Geheimnis.“ „Schwörst Du’s?“, fragte der Junge mit skeptischer Miene. „Ja, ich schwöre es“, antwortete die Mutter, konnte dem Jungen dabei aber nicht in die Augen sehen.

Seine Neugierde war geweckt und er folgte ihr willig. Sie aber kannte ein Geheimnis, von dem ihr Sohn niemals etwas erfahren würde. Nur fort von hier, dachte sie. Das Grauen hatte sie erfasst, denn sie war sich jetzt ganz sicher.

Die Kreatur im Käfig war ihr Kind. Ihr eigenes, verkrüppeltes und ausgestoßenes Kind …

Wie es zu dieser Geschichte kam …

Bei einem unserer letzten Wanderungen stießen ich auf eine seltsame in Stein gemeißelte Figur. Sie hatte Ähnlichkeit mit einem sitzenden Löwen, dessen Antlitz menschlich war. Auf dem Kopf mit wildem Bart saß ein Hahnenkamm. Die Geschichte dieser Kreatur interessierte mich. Nach meinen Recherchen handelt es sich um den Maunzteufel , einer Gestalt aus der Salzburger Sagenwelt. Ich stellte mir vor, wie es hätte sein können. Das hat mich zu dieser Geschichte inspiriert …

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