„Ich lebe noch …“

Meine Kollegin war schwere Alkoholikerin und versuchte wie so viele, ihre Krankheit zu verbergen. Erst Jahre später, nach dem Entzug, erzählte sie mir diese Geschichte:

„Wen ich soff, begann ich mich zu verwandeln. Ich wurde fröhlich, war gelassen und zufrieden. Es war großartig. Noch ein Glas, noch eine Flasche. Das waren meine einzigen Ziele. Ich war in meinem Wohlfühl-Universum. An diesem Tag ging es mir besonders schlecht. Also holte ich eine Flasche und ein Glas. ‚Schenk ein, flüsterte eine Stimme, schenk ein. Mit jedem Schluck wird es besser.‘ Ich dachte an die zarte Schärfe des Alkohols und das wärmende Gefühl im Magen. Ein schönes, ein vertrautes Gefühl. Ich griff hastig nach der Flasche und stieß sie um. Sie krachte auf den Glastisch. Die Flüssigkeit breitete sich aus wie ein Ölfleck, wurde größer, bis sie über den Tischrand, auf den Boden tropfte. Bald roch es im ganzen Raum nach Schnaps. Es roch nach meinem neuen Geliebten, ohne den ich nicht mehr leben konnte. Ich war ihm hörig.

Das Chaos war mir egal, denn mir fiel etwas Besseres ein. Die Idee fand ich witzig. Ich bekam einen Lachanfall. Ich lachte bis ich heulte. ‚Heul nicht, schimpfte ich, es ist bald vorbei. Die Einsamkeit, der Schmerz, das Saufen.‘ Ich schleppte mich ins Bad, stolperte,und fiel der Länge nach hin. Weil ich nicht aufstehen konnte, schrie ich vor Wut. Ich dachte: Wenn mich jetzt jemand sehen könnte-mich, die elegante Dame mit den schönen Haaren und teuren Kleidern. ‚Ich wäre auch gerne wie du‘, sagten sie. Wenn die wüssten!

Mühsam rappelte ich mich hoch. Fieberhaft suchte ich nach dem Haarföhn. Musste tun, was zu tun war. Jetzt sofort! Mir wurde schwindlig. Alles drehte sich. Was tat ich nur? Warum half mir niemand? Plötzlich stand mein Mann neben mir. Er war traurig, weil ich betrunken war. Aber es war nur ein Trugbild, denn er hatte mich schon lange verlassen. Er war einfach gestorben, obwohl er mir versprochen hatte, dass wir gemeinsam alt werden würden …

Endlich floss das Wasser aus der teuren Armatur, die wir gemeinsam ausgesucht hatten. Ich erinnerte mich, dass wir deshalb Streit hatten. Aber ich konnte ihn, wenn ich wollte, mit nur einem Blick umstimmen. In meinem Rausch streichelte ich sein Gesicht. Dieses Gesicht, das ich so sehr liebte. Wie vermisste ich dieses wunderbare Gefühl. Plötzlich war es wieder da, aber es war nur der warme Wasserstrahl, der über meine Hand floss.

Ich zog mich aus, wollte in diesem Gefühl baden. Aber vorher brauchte ich den Haarföhn und ein Verlängerungskabel. Ich legte alles sorgfältig auf den Rand der Wanne und wartete auf den richtigen Zeitpunkt. Das Kabel war angesteckt. Langsam glitt ich in das warme Wasser und beobachtete, wie die Wanne sich füllte. Alles bereit. Entschlossen nahm ich das Gerät und drückte den Kippschalter. Ich schloss die Augen und ließ den Föhn aus meiner Hand gleiten. Hoffentlich geht es schnell, dachte ich .“

„Um Himmels willen“, rief ich entsetzt.

„Kurzschluss, sagte sie. Ich lebe noch und danke dem Zufall dafür. Ich hatte nur vergessen, wie schön das Leben sein kann. Auch ohne Alkohol. Es war hart, aber ich habe es geschafft.“

Sie griff nach ihrem Glas Wasser und lächelte.

© LoPadi

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