Sonntagsgeschichte #1

DAS LICHT IN UNS ALLEN

Costa Rica, Februar 2020

„Waaas ist das glücklichste Land der Ärde?“, fragte Otto, unser Mann in Costa Rica. In mir kam die leise Ahnung einer Antwort auf, die mit der Gewissheit, dass sich Ottos Fragen stets nur um das Eine drehten, ‚Costa Rica‘ war. Aber niemand sagte etwas, denn im Bus herrschte wieder einmal Kühlschranktemperatur und weil die meisten mit dem Anziehen von Pullovern und Jacken beschäftigt waren, hatten sie die Frage vermutlich überhört oder sie wurde im Moment des Kampfes gegen die Klimaanlage als zu zynisch empfunden. Einzig wir Frauen beschwerten uns. Die Männer hingegen hatten kaum Probleme mit der Kälte. Der Busfahrer konnte auch nichts dafür, denn aufgrund der hundertprozentigen Luftfeuchtigkeit und der Kühle des Dschungels, blieb ihm nichts anderes übrig, als ebenfalls zu kühlen, denn sonst hätte die Windschutzscheibe beschlagen und er wäre im Blindflug durch den Urwald geirrt.

Otto versuchte uns von der Kälte abzulenken und rief mit dramatischem Unterton: ‚Maaain Gooott‘, von 143 Ländern sind wir die Nummär ains!“ War klar, aber wie schon gesagt … auch mein Liebster und ich hatten uns eingekuschelt, denn die Fahrt bis zum Ziel dauerte noch zwei Stunden. Otto schwärmte vom warmen, feucht-schwülen Nebelwald Monteverdes, den Hängebrücken und den Baum-Riesen, über die wir staunend wandern würden und er erzählte uns von den ‚Quäkern.‘ Dazu fielen mir sofort beschürzte Frauen mit Hauben und Männer mit Hüten und langen Bärten ein. Das waren doch jene, welche alles Fortschrittliche, ablehnten.

Otto klärte uns auf; in den Fünfzigern hatte eine Gruppe von Männern Angst, in den Korea Krieg ziehen zu müssen und wanderten daher mit ihren Familien von Alabama nach Costa Rica aus. Als Kriegsverweigerer wären sie in den USA im Gefängnis gelandet. Costa Rica, in dem das Militär seit 1948 abgeschafft ist, erschien als rettende Lösung. Zudem waren hier Einwanderer willkommen. Im Nebelwald wurden sie sesshaft. Sie siedelten sich gemeinsam mit anderen Bauern im heutigen Monteverde an und brachten es mit unermüdlichem Fleiß und Molkereiprodukten zu einigem Wohlstand.

In den Siebzigern versuchten illegale Einwanderer ihnen das Land streitig zu machen, aber die Quäker waren clever und erwarben ein 328 Hektar großes Gebiet, um es dem Naturschutz zu widmen. Das Gebiet ist inzwischen auf 5000 Hektar angewachsen und eine beliebte Touristenattraktion.

Die Quäker selbst bekamen wir leider nie zu Gesicht. Sie leben noch immer zurückgezogen in jenem Teil des Nebelwaldes, den sie ursprünglich besiedeln durften. Sie sind bescheiden geblieben und tief in ihrem Glauben verwurzelt. Das englische Wort Quaker bedeutet ‚Zitterer‘. Damit wurden sie früher oft gehänselt. Sie selbst bezeichnen sich als ‚religiöse Gemeinschaft von Freunden‘, die einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen und jede Form der Diskriminierung ablehnen.

Einer ihrer Glaubenssätze gefällt mir besonders. Er lautet:

‚Das göttliche Licht ist in uns allen.‘

© LoPadi

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