Sonntagsgeschichte #3

Die Tür des Restaurants öffnete sich. Nun war er da. Instinktiv richtete ich mich auf, denn die stattliche Erscheinung war äußerst Respekt einflößend und ich wollte nicht allzu klein erscheinen. Jetzt nur nichts falsch machen, dachte ich. Ich wischte mit der rechten Handfläche über den Stoff meiner Hose, um sicherzugehen, ihn nicht mit einem verschwitzten Händedruck zu irritieren. Mein Puls war etwas höher als gewohnt und ich ermahnte mich, ruhig zu bleiben und das Atmen nicht zu vergessen.

Das war gerade schwierig. In meiner Lunge hatte sich bereits einiges an Luft angesammelt und die wollte raus. Ich vermied es tunlichst, lautstark auszuatmen, denn ich fürchtete dadurch, meine Angespanntheit zu verraten. Mir blieb nichts anderes übrig, wieder bewusster zu atmen, um dem vermeintlichen Unheil, welches gerade auf mich zukam, nicht mangels Sauerstoff vor die Füße zu fallen.

Immerhin handelte es sich um meinen künftigen Vorgesetzten, der zufällig auch der Controller war. Als er unmittelbar vor mir stand, nahm ich den dezenten Geruch seines Eau-de Colognes wahr und bemerkte seine akribisch gepflegten Hände. ‚Buchhalter eben‘, schoss es mir durch den Kopf. „Warten sie schon lange?“, sagte er und neigte sein Haupt mit dem akkurat kurz geschnitten, grau melierten Haar, in meine Richtung. Dabei fiel mir sein flacher Hinterkopf auf. Plötzlich überkam mich der absurde Gedanke, dass dies ein Zeichen geringer Intelligenz sein könnte. Ich verwarf ihn schnell.

Er war perfekt gekleidet, die Bügelfalte seiner grauen Flanellhose war messerscharf und der Saum seiner Hose lag genau mit diesem einen Knick auf den glänzend polierten Schuhen, wie es sich modisch gehörte. Das passende Tweedsakko über dem tadellos gebügelten hellblauen Hemd war makellos und von dezenter Zurückhaltung. Eine perfekt abgestimmte Krawatte ergänzte seine perfekte äußere Erscheinung. Einzig seine imposante Größe passte nicht ganz in das übliche Bild eines zahlenverliebten Buchhalters.

Er setzte sich und betrachtete wohlwollend das frische Blumengesteck auf dem strahlend weißen Tischtuch „Was möchten sie trinken?“, fragte er. Mir war nach einem Glas Wein, aber ich besann mich noch rechtzeitig und sagte in bescheidenem Tonfall: „Ein Mineralwasser, bitte.“

„Ist es in Ordnung für sie, wenn wir vorerst nur etwas trinken und erst nach der Besprechung etwas essen?“, fragte er. „Ja, natürlich“, antwortete ich. Daraufhin winkte er der Kellnerin und bestellte für mich ein Wasser und für sich ein Viertel Zweigelt. ‚Aha‘, dachte ich. ‚Hätte ich …‘ Das viele Reden machte mich durstig, und so griff ich des Öfteren zum Glas. Das bewirkte, dass die Anspannung mit jeder Minute sank. Allerdings nur bis zu jenem Moment als der Controller fragte: „Noch ein Glas Wein für sie?“ Noch ein Glas Wein? Ich sah nach meinem Wasser. Das stand vor mir. Das Glas des Buchhalters jedoch war leer.

© LoPadi

Titelfoto: Unsplash

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