Sonntagsgeschichte #5

Heute zum Ostersonntag gibt es einen Geschichte aus meiner Teilnahme an der Schreibarena des Blogs https://lyrikfeder.wordpress.com/

Hier mein Text:

Im Augenblick konnte er sehen, wie Großvater hinter dem Tresen bedauernd die Arme hob und ernst nickte. Sedd war verzweifelt und dachte; ‚hoffentlich hat Anne diese Geste nicht mitbekommen.‘
Er war jung und hatte noch keine Vorstellung davon, was sein Großvater längst wusste. Natürlich war er davon überzeugt, dass der alte Herr nicht in der Lage war, sich in ihn hineinzuversetzen, oder auch nur annähernd ahnte, was er gerade durchmachte …

Er versuchte sich dumm zu stellen und sein Gesichtsausdruck sah dementsprechend aus, aber Anne durchschaute ihn sofort. Mit herausforderndem Blick sagte sie:
»Du hast es mir sogar hoch und heilig versprochen!«
»Ich, wann?«
»Vor zwei Tagen, genau hier an dieser Stelle.«
»Das kann nicht sein, ich würde mich erinnern«, insistierte Sedd.
Sie schmollte.
Es erstaunte ihn immer wieder, mit welcher Vehemenz dieses kleine, zarte Wesen an ihren Behauptungen festhalten konnte. Man sah es ihr nicht an, aber wenn sie etwas wollte, konnte sie stur sein wie ein Stier.
Großvater stand noch immer hinter dem Tresen und tat so, als hätte er das Interesse an diesem Diskurs verloren. Er war in das Reservierungsbuch vertieft und schien die beiden Streithähne nicht mehr zu beachten.
Anne fixierte Sedd mit strengem Blick und um ihrem Standpunkt noch mehr Gewicht zu verleihen, winkelte sie ihre Arme an und stemmte die Fäuste resolut an ihre schmale Taille. Ihre schwarzen Augen funkelten und Sedd war nun klar, dass sie sich nicht so schnell würde abwimmeln lassen.
»Hör zu, wie auch immer, ich habe heute keine Zeit«, sagte er und wandte sich zum Gehen, aber Anne gab nicht auf.
»Aha«, sagte sie und verzog ihren Mund zu einem siegreichen Lächeln; »du gibst also zu, dass du es versprochen hast.«
Sedd rollte genervt mit den Augen und dachte: ‚Sie benimmt sich mit ihren zwölf Jahren wie sich nur verwöhnte Bankierstöchter benehmen. Was glaubt sie eigentlich, wen sie vor sich hat? Unmögliche Göre!‘

Der Großvater blickte von seinem Reservierungsbuch auf, sah über die Gläser der schmalen Lesebrille hinweg und beschloss Sedd zu Hilfe zu kommen. Wie oft war er selbst mit seiner Frau in einer solch misslichen Situation gewesen. Es gab zwei Varianten; wenn er nachgab, erhielt er den ‘warum nicht gleich– Blick‘ und wenn er es nicht tat, drehte sich seine Frau abrupt auf dem Absatz um und sagte pikiert: »Mit dir ist es nicht auszuhalten. Ich werde meine Eltern in Wien besuchen. Hier werde ich ohnehin nicht gebraucht. Ich gehe und packe meine Koffer!«
Oh, er kannte diese Spielchen nur zu gut und hatte in alle den Jahren gelernt; je schneller er nachgab, desto friedlicher verlief sein Leben. So war das nun mal in einer Ehe. Sedd würde das auch noch lernen.
Er überlegte, ihm zu helfen, beschloss aber, noch zu warten. Er räusperte sich und studierte weiter im Reservierungsbuch. Nicht, dass es so viele Reservierungen gegeben hätte. Das Hotel hatte seine besten Jahre längst hinter sich, aber er wollte bleiben, um zu sehen, wie sein Enkel sich aus der Affäre zog. Schließlich würde er dieses Hotel eines Tages leiten und diplomatisches Geschick war als Direktor unumgänglich.

Sedd war in der Klemme, soviel stand fest. Das Mädchen würde nicht so schnell aufgeben. Schon zog sie ein neues Register und änderte die Taktik. Sie seufzte dramatisch und ein wenig zu laut, ließ Schultern und Arme fallen und senkte den Blick und starrte auf den blitzblank gewienerten Boden des Foyers. Nach ein paar Sekunden des Starrens, hob sie ihren Kopf, schaute Sedd böse an und sagte: »Du bist einfach nur öde.« Das saß. ‚Wie kann sie so etwas sagen‘, dachte Sedd. Habe ich sie nicht vor ein paar Tagen vor dem Ertrinken gerettet? Was war nur los mit ihr?
Er hörte wie sein Großvater sich räusperte und rief: »Ach Sedd, da fällt mir ein, unser Koch braucht dich dringend in der Küche. Ich hab‘s vergessen auszurichten. Tut mir leid, aber mach schnell, du weißt, wie empfindlich er ist …«

Sedd wusste, dass sein Großvater log und bekam prompt Schuldgefühle. Er sah dieses zarte, kapriziöse Persönchen vor sich und hatte ein schlechtes Gewissen. Er wusste nicht warum, er wusste nur, dass er sie nicht belügen durfte. Seit dem Erlebnis am See verband sie etwas Unsichtbares. Ein Gefühl, ein Band, sie hatten etwas gemeinsam, von dem nur sie wussten und er sagte matt: »Ist schon gut Großvater, ich habe den Koch vorhin getroffen. Wir haben alles besprochen.«

Dann griff er nach Annes Hand und sofort schimmerte Hoffnung in ihren Augen.
»Anne, tut mir leid, ich hab’s einfach vergessen, lass uns gehen.« Ihre dunklen Augen begannen zu leuchten und ihr kleiner Mund schenkte ihm ein breites Lächeln. Plötzlich riss sie sich von ihm los und rannte mit einem Jauchzen auf den Hotelausgang zu.
Sedd rannte hinterher und wunderte sich, wie erleichtert er war …

Macht doch auch mit …

4 Comments on “Sonntagsgeschichte #5

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