Sonntagsgeschichte # 6

ANTON

Wenn ich als kleines Mädchen, fast täglich, an Antons Tür klopfte, konnte ich sicher sein, eine Sekunde später ein generalstabsmäßiges „Herrrein“ zu vernehmen. Anton lebte bei uns am Hof im ehemaligen Gesindehaus, einem Wohntrakt im ersten Stock über den Stallungen. Im Gang roch es nach Schweinemist und kaltem Rauch. Wenn ich sein Zimmer betrat, sah ich Anton nur schemenhaft, denn der Qualm unzähliger Zigaretten vernebelte den Raum. Das einzig Schöne in diesem Zimmer war ein Bild, auf dem eine geheimnisvolle Frau verführerisch lächelte.

Anton saß mit einer Selbstgedrehten zwischen seinen tabakbraunen Fingern auf dem einzigen Stuhl und lächelte mich aus seinem zahnlosen Mund an. Er war vom Alkohol gezeichnet, groß und hager und das Gewand hing an ihm, wie an einem Kleiderständer. Wenn er saß, hatte er die dürren Beine übereinander geschlagen. Das spitze Knie stach unter dem Hosenstoff hervor und sein Bein wippte in einem imaginären Takt. Er sah mich aus blassblauen Augen an, lächelte und schwieg. Ich hingegen hatte immer Fragen. „Warum wäschst Du Deine Bettwäsche nicht, warum rauchst Du so viel, warum machst Du das Fenster nicht auf“ … Anton zuckte nur mit den hageren Schultern und schwieg weiter. Meiner Fragerei amüsierte ihn sichtlich und er schien froh, dass ihn jemand besuchte.

Mangels zweitem Stuhl setzte ich mich auf sein Bett. Die Bettwäsche verströmte einen scharfen und undefinierbaren Geruch. Ich glaube, er wusch sie nur einmal im Jahr. Mir war das egal. Ich mochte Anton, weil er mir als Einziger immer geduldig zuhörte. Die Anderen hatten immer etwas zu tun und nie Zeit. Er lebte allein. Sein bester Freund war der Alkohol und wir seine Familie. Am Hof war er mehr oder weniger geduldet, denn wenn er gerade nüchtern war, half er bei der Arbeit. Wie alt er war, wusste niemand. Alles, was er besaß, war ein altes Waffenrad, ein paar Zeitschriften und das, was er am Leib trug. In seinem Schrank hing eine Ersatzgarnitur.

Wenn es dunkel wurde, schwang er sich ungelenk auf sein altes Waffenrad und radelte dem Alkohol entgegen. Den gab’s reichlich im Wirtshaus hinter der Kirche. Gegen Mitternacht torkelte er sternhagelvoll, das Rad in Zickzack Linien schiebend, nach Hause. Den gesamten Weg zurück hielt er lautstark verworrene Reden. Wenn er unter meinem Schlafzimmerfenster vorbeikam, wachte ich auf. Eines Tages, wir hatten Besuch von meinen kleinen Cousinen, wurden die beiden vom Geschrei Antons, im Schlaf überrascht. Die Mädels bekamen Angst und flüchteten zu den Großeltern in das Zimmer nebenan. Sie waren völlig aus dem Häuschen und meine Oma hatte große Mühe sie zu beruhigen.

Ein anderes Mal überrasche uns Anton mit einer Operation an sich selbst. Seit Jahren hatte er einen kirschgroßen Knoten im Augenwinkel. Eines Tages schnitt er ihn einfach mit einem Messer auf. Als er meiner Oma erzählte, was er getan hatte, war sie entsetzt und schimpfte. Anton zuckte mit den Schultern. Die Wunde verheilte, der Knoten kam nie wieder.

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