Sonntagsgeschichte # 7

Auf Kollisionskurs

21. November 1994, Atlantik – Tagebuch

Es ist sechs Uhr früh. An Backbord kommt träge ein Tanker auf. Ich registriere ihn zwar, beobachte ihn aber nicht weiter, da er nach meiner Einschätzung in ausreichender Entfernung vor unserem Bug vorbeiziehen wird. Normalerweise schalten wir nachts bei Schiffsbegegnungen außer dem Toplicht die beiden Positionslichter dazu, damit wir besser sichtbar sind. Da es bereits dämmert, tue ich es nicht. Meine Wache. Mein Fehler. Stattdessen richte ich meinen Blick nach Osten, um den anbrechenden Tag zu beobachten. Der Himmel ist klar, die letzten Sterne stehen blass am Himmel und die See ist grau wie altes Zinn, der Seegang läuft konfus, aber die Segel stehen prall vor dem Wind.

Nachts verzichten wir auf einen Baum, denn wenn der Wind dreht, müssen wir die Freiwache aus dem wohlverdienten Schlaf holen und da wir nur zu zweit sind, gönnen wir einander die vierstündigen Ruhepausen so gut es eben geht. Als ich wie immer nach 15 Minuten aufstehe, um über die Sprayhood zu spähen, fährt mir der Schreck augenblicklich durch die Glieder. Mein Herzschlag setzt für ein paar Sekunden aus. Ein riesiger Tanker steht quer vor unserem Bug. Nur 100 Meter von uns entfernt. Es muss der vom letzten Ausguck sein. Ich kann das dumpfe Geräusch der drehenden Schiffswelle hören. Augenblicklich schießt Adrenalin durch meine Blutbahn und Entsetzen macht sich breit. Zuerst fluche ich und entlade mich mit einem wütenden „Scheiße!“

Unaufhörlich quält mich der Gedanke: Meine Wache, meine Schuld … Nach den ersten Schrecksekunden brülle ich nach dem Skipper. Der flitzt wie ein Pfeil aus der Koje und steht fast augenblicklich neben mir. Inzwischen habe ich die Windfahnensteuerung ausgehängt, den Motor gestartet und das Ruder herumgerissen. Die Segel knattern wild. Mein Puls rast. Mir ist übel vor Angst. Der Skipper ist noch ganz verschlafen und kriegt das Ganze nicht so richtig mit. Ich könnte mich ohrfeigen. Wie hypnotisiert starre ich auf den Tanker und steuere idiotisch im Kreis. Der Koloss scheint sich nicht von der Stelle zu bewegen.

Dann, unendlich langsam baut sich immer mehr Seeraum zwischen uns auf. So unmerklich, wie es gekommen ist, entfernt sich das Ungetüm und allmählich normalisiert sich auch mein Puls. Kein einziges Wort ist bisher zwischen uns gefallen. Endlich aufatmen. Der Skipper schweigt noch immer. Später als die Worte wiederkommen, sind wir uns uneinig, ob uns der Tanker überhaupt gesehen hat. Wir wissen es bis heute nicht. Es gibt immer wieder Vorfälle, bei denen Segelyachten von der Großschifffahrt versenkt werden, ohne dass die Giganten es bemerken. Die Dimensionen sind einfach zu verschieden.

Ein kleines Segelbötchen wie das unsere ist wie Treibgut, das unbemerkt an einem Berg aus Stahl kratzt. Unsichtbar unter ihrem Radarstrahl. Wortlos nehmen wir den alten Kurs in Richtung Westen wieder auf und segeln aus der Dämmerung. Am Heck das Licht der aufgehenden Sonne.

© LoPadi

7 Comments on “Sonntagsgeschichte # 7

  1. Laut Logbuch war das auf Position 27°26,50N / 016°11,90W. Eintrag: Tanker hat uns in 100 Meter vor uns passiert. Genua an STB. Venus Winkel 19°56′.

    Liken

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: