Sonntagsgeschichte # 8

Love ist blue

Ich bin aufgeregt. Ich habe ihn noch nie gesehen, gerochen, gefühlt. Alles, was ich habe, sind Bilder von ihm. Darin lese ich viel von Sanftmut und Wärme, aber auch von Launen. Er scheint ehrlich zu sein. Das gefällt mir. Ich stelle mir gerade die erste Begegnung vor. Wie wir uns ansehen, wie er sich anfühlt und wie er riecht … ich mag es, wenn etwas gut riecht. Plötzlich kommen Zweifel auf. Was, wenn er mir nicht gefällt, wenn er nicht so gut aussieht, wie auf den Bildern. Was, wenn er kalt ist und abweisen oder unberechenbar. Aber nein-alle bisherigen Beschreibungen klangen einfach nur spannend und sehr aufregend. Das gefällt mir, denn Langeweile ist mir ein Gräuel.

Manche Gedanken bringen sogar mein Blut in Wallung. Wie wird es sich erst anfühlen, wenn wir uns gegenüber stehen? Wird es erregend sein? Was soll ich anziehen? Beim ersten Mal sollte ich vielleicht nicht zu viel Haut zeigen. Ich möchte nicht oberflächlich wirken, aber auch nicht unerfahren. Vielleicht ein Spaziergang an seiner Seite. Vielleicht eine Ausfahrt mit dem Boot. Ich werde vorsichtshalber noch etwas Warmes einpacken.

Meine Freundin Elsa macht sich lustig über mich. Sie ist erfahrener und neckt mich ständig, wegen meiner Unsicherheit. Sie wird mich begleiten. Sicherheitshalber und um mich zu beschützen. Sie muss für mich ganz schön weit fahren, um mich meinem ersten Rendezvous näherzubringen, aber Elsa freut sich immer mit mir und will nur das Beste für mich. Deshalb mag ich sie so sehr.

Die Reise ist lang und je näher wir dem ersehnten Ziel kommen, desto aufgeregter werde ich. Mein Herz klopft, meine Handflächen sind feucht. Ich bekomme rote Wangen, was ich hasse. Noch kann ich zurück. Elsa beruhigt mich. Sie glaubt, dass es richtig ist, meinem Impuls zu folgen. Ich träume doch schon so lange von dieser Begegnung. Je weiter südlich wir kommen, desto wärmer wird es. Elsas Auto hat keine Klimaanlage und so halten wir an einer Raststätte, um uns zu erfrischen. Männer mit dunklen Augen starren uns unverhohlen an. Hübsche Kerle, aber chancenlos. Ich habe nur den einen im Sinn. Ich lächle, stelle mir vor, wie es sich anfühlt, vom Glück umspült zu werden. Schnell trinke ich aus, denn schnell will ich ans Ziel.

Dann ist es so weit. Angekommen. Elsa parkt den kleinen verstaubten Wagen vor der Pension, in der wir die nächste Woche verbringen werden, egal ob sich mein Traum erfüllt oder nicht. Allein will ich ihn sehen. Ohne Else. Sie versteht das. Ich frage die Einheimischen nach dem Weg. Aufgeregt eile ich den schmalen Pfad entlang in Richtung Westen. Zu hastig. Meine Hose verhakt sich im Dornenbusch. Ungeduldig reiße ich mich los. Irgendwo da vorne wartet er auf mich. Es ist so schrecklich heiß und ich schwitze. Dann endlich sehe ich ihn. Gelassen, kühl und ruhig liegt er vor mir. Das gleißende Sonnenlicht flackert in seinem Antlitz. Ich bin überwältigt von seiner Schönheit.

Der Ozean ist schöner, als ich ihn mir je erträumt habe und nun bin sicher; Love is blue.

%d Bloggern gefällt das: