Sonntagsgeschichte # 9

Café Craigher

Sagen wir mal so; als Jugendliche war ich eine Düse. Ich war bei jedem Abenteuer dabei, neugierig und unerschrocken. Aufgewachsen bin ich wie ein Bub und so habe ich mich auch benommen. Am Bauernhof war das keine Kunst, denn da haben die Männer das Sagen. Zumindest außerhalb des Wohnhauses. Die Erziehung war wilhelminisch streng und die Regeln klar. Aber wie das halt so ist mit Regeln und Verboten, gerade die machen den Reiz aus. Als ich mit fünfzehn meine Lehre begann, musste ich jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit. Als Bücherwurm las ich immer bis lange nach Mitternacht und am Morgen kam ich nicht aus dem Bett. Jedes Mal holte mich meine Oma unter Aufbringung all ihrer Überredungskünste aus dem Bett. Wenn das alles nichts half, zog sie mir einfach die Decke weg. Das war im Winter nicht so toll, denn es hatte im unbeheizten Zimmer gefühlte null Grad und auf den Fensterscheiben wuchsen die Eisblumen.

Immerhin stand ein opulentes Frühstück auf dem Küchentisch, dass ich weil ich zu spät dran war, kaum anrührte. Daraufhin war meine Oma beleidigt. „Ich gebe mir so viel Mühe und du?“, aber was sollte ich machen. Ich stand unter Zeitdruck. Ich rannte zur Tür hinaus, hastete querfeldein unter den Stacheldrahtzäunen hindurch zum Bus, von dem ich leider zu oft nur mehr die Rücklichter sah. Daraufhin stellte ich meinen Daumen in Fahrtrichtung und ‚stoppte‘ bis zum Hauptplatz in der Stadt, wo der Bus eine Viertelstunde Stehzeit hatte. Das klappte meistens.

Einmal fuhr mich der Fahrer des Sattelschleppers bis neben den Einstieg des Busses . Da fielen den Fahrgästen fast die Augen raus! Abends, nach der Arbeit blieb der Bus, an einer Haltestelle direkt vor dem Café Craigher stehen. Wieder für fünfzehn Minuten. Ich nutzte die Zeit und sauste in den Raum, in dem die Musikbox stand und gönnte mir bei einem Glas Leitungswasser die Hits von Iron Butterfly, The Who, Procol Harum oder Cozy Powell. Musik war mein Leben und ich wollte unbedingt in einer Band singen. Dafür und für den Leadgitarristen hätte ich alles gegeben.

Manchmal gesellte sich Herr Craigher-Senior persönlich zu mir, was ich toll fand, denn ich mochte ihn sehr. Er war für mich einer von den ‚coolen Alten‘. Mich nannte er „Gamsle“, weil ich wie eine Gams ständig in Bewegung war und nie ruhig sitzen konnte. Er hatte Verständnis für uns und es machte auch nichts, wenn wir wenig konsumierten. Dennoch hätte er niemals zugelassen, dass wir Drogen nahmen und in seinem feinen Café high herumlungerten. Aber da musste er sich ohnehin keine Sorgen machen, denn Musik war unsere einzige Droge.

Ein Schilling für ein paar Minuten Glück. Das machte uns high. Jeden Sonntag fuhr ich mit dem Bus ‚offiziell‘ zu meiner besten Freundin. In Wirklichkeit aber saß ich mit der ganzen Clique beim Craigher. Wenn das zu Hause jemand mitbekommen hätte, das wäre mir nicht gut bekommen. Für sie war diese Musik nur ‚Tschinn – Bumm!‘
Lang ging alles gut. Bis eines Tages plötzlich mein Großvater vor uns stand. Aber das ist eine andere Geschichte ….

© LoPadi

Beitragsbild: Pexels

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