Die Baronin

Wegen der vielen Arbeit für mein letztes Buch habe ich die Kurzgeschichten mehr als vernachlässigt. Aber nun geht es wieder los mit den Gschichtl’n aus dem Alltag und dem Leben.

Ihr Verhalten war speziell. Etwas Erhabenes war an ihr. Etwas Majestätisches. Sie hielt ihren Kopf nicht wie die anderen ihrer Zunft, normal und gewöhnlich. Nein- sie trug ihn als selbstbewusste Verlängerung ihres Halses und strahlte dadurch eine gewisse Arroganz aus. Als wir sie zum ersten Mal sahen, wurde schnell klar, dass wir froh sein konnten, überhaupt von ihr wahrgenommen zu werden. Sie hielt stets Abstand und ließ sich an einem Platz nieder, der künftig ihr liebster werden würde. Dabei beobachtete sie uns auf eine interessierte aber zugleich distanzierte Weise. „Sie ist schön und klug“, sagte ich zu meinem Mann. „So verhält sich nur eine Katzendame.“ Wir gaben ihr einen Namen. ‚Baronin.‘

Sie hielt weiterhin gebührenden Abstand und wir ließen sie in Ruhe. Wochenlang kam und ging sie wieder, wie es ihr beliebte. Sie beobachtete uns aber mit, wie mir schien, mit mäßigem Interesse. Sie war eine rostrote Schönheit und ihre unnahbare Art machte sie noch schöner. Während wir im Sommer auf der Veranda aßen, döste sie auf ihrem Lieblingsplatz unter dem Pampasgras vor dem Teich und beobachtete die Vögel und uns. Wir machten uns Gedanken. Sollten wir sie an den Tisch bitten? Ihr etwas anbieten? Nie hätte sie gebettelt. Aber wir ließen es bleiben. Sie war wohlgenährt und ihr Zuhause woanders. Wir wussten nur nicht, wo.

Die Jahre vergingen. Die schöne Rothaarige kam immer wieder und mit der Zeit ließ sie sich sogar berühren. Nur kurz und flüchtig-, aber immerhin. Wir hatten sogar den Eindruck, dass sie begann, die Streicheleinheiten zu genießen. Wir kamen uns immer näher. Eines Tages stand sie plötzlich vor der Eingangstür, und bevor wir es uns versahen, spazierte sie mit nobler Zurückhaltung durch unser Revier. Sie untersuchte alles mit äußerster Genauigkeit und schritt wie auf Zehenspitzen und mit erhobener Lunte durch sämtliche Räume. Es sah zum Schießen aus. Nachdem sie alles inspiziert hatte, verließ sie uns wieder. Sie war eben speziell. Schließlich brachten wir in Erfahrung, dass sie einem unserer Nachbarn gehörte und das sie als Katzenkind ausgesetzt worden war. Sie war ihm zugelaufen. Völlig unterernährt und traumatisiert. Auch er beschrieb die ‚Baronin‘ als sehr ‚speziell.‘

Wir reisen viel. Meist für längere Zeit. Das kommt bei der Baronin gar nicht gut an. Wenn wir wieder zu Hause sind, lässt sie sich für eine lange Zeit nicht blicken. Wenn sie dann endlich geruht, uns einen Besuch abzustatten, gibt es erst einmal eine körperliche Züchtigung. Sie wirft sich divenhaft auf den Boden und holt sich genüsslich ihre Streicheleinheiten. Aber plötzlich beißt sie zu. Danach stolziert sie nach dem Motto; ‚wie ihr mir so ich Euch‘ davon. Erinnerte sie sich an die Zeit, als sie ausgesetzt wurde? Wir vermuten es. Was wir aber seit Neuestem wissen, ist, dass SIE ein ER ist. Von wegen typisch weibliches Verhalten!

Er heißt Nico. Wie unpassend. Ihm wird es nichts ausmachen, aber uns. Wir haben ihn standesgemäß umgetauft auf ‚Baron…‘

2 Comments on “Die Baronin

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