Gräber und Atome

Allerheiligen. Wieder einmal. Die Gräber unseres idyllischen Friedhofs (soweit man eine letzte Ruhestätte als solches bezeichnen kann), sind vorbereitet für den nächsten Akt religiösen Zeremoniells. In Teuflischem rot flackern die Grablichter, als wollten sie den Beelzebub provozieren. Die Szene wirkt ein wenig unheimlich. Trotzdem finde ich Friedhöfe interessant und überall auf der Welt besuche ich sie. Sie erinnern mich an die Endlichkeit. Das Einzige, dem niemand entrinnen kann.

Grabpflege. Ich jäte das letzte verschrumpelte Unkraut und überlege, ob ich die Rose, die ich im Sommer gepflanzt habe, ausreißen soll. Sie gedeiht nicht. Die Erde ist nicht nahrhaft genug. Vorsichtig ziehe ich an dem armseligen Ding. Es leistet kaum Widerstand und schon ist es um die Rose geschehen. Die Arme stand stets im Schatten ihrer prächtigen älteren Schwester, deren Blütenpracht jeden Sommer förmlich explodierte. Ihre üppige Fülle verdeckte sogar den Grabstein. Auf der Umrandung sitzend, spüre ich, wie sich meine Muskeln verhärten. Mein Rücken schmerzt wegen der ungewohnten Haltung. Dummerweise habe ich die Gartenmatte vergessen. Weil ich mich nicht in das feuchte Gras knien will, leide ich. Wie das kleine, dünne Röschen, das ich soeben entwurzelt habe. Sie hatte keine Wahl.

Meine Gedanken schweifen ab. Ich erinnere mich an eine der letzten Diskussionen mit meinem Techniker. Als alles hinterfragender gibt er manchmal Sachen von sich, die mich zum Nachdenken anregen. So auch bei unserem letzten gemeinsamen Friedhofsbesuch. Nachdem er einige Zeit gedankenverloren auf das Grab gestarrt hatte, sagte er plötzlich: „Ob sich wohl ein paar Atome meiner Eltern in dieser Erde befinden?“ Ich dachte nach und sagte lachend: „Möglich wäre es“ „Sie könnten theoretisch überall im Grab verteilt sein.“ „Vor allem in der alten Rose, die schon seit Beginn hier steht.“ „Wahrscheinlich“, antwortete mein Techniker und nickte.

Winzig wie ein Atom und unendlich wie das Universum. Geschichten über Sternenstaub und dem woher und wohin fallen mir ein. Und was wohl geschehen mag mit meinen Atomen, wenn ich einmal selbst ein Häufchen Asche geworden bin. Als ich mich mühsam aufrappele, fällt mir mein Großvater ein. Ein Agnostiker, der sich häufig über die Sorgen der Mitmenschen bezüglich deren Verbleibens nach dem Tod ärgerte.

„Mein Gott ist die Natur. Sie erschafft und sie vernichtet und wir sind ein Teil davon. Jeder von uns ist es, wenn wir gegangen sind, ist es vorbei mit unseren Möglichkeiten etwas zu tun und es wäre besser, wir würden zeitlebens unsere Chancen nutzen, als darüber nachzudenken, was danach ist.“

Ich war zwar damals noch ein Kind, aber diese Erklärung leuchtete ein. Seither gehört der Tod für mich zum Leben und er macht mir keine Angst. Ich zupfe noch ein wenig am Unkraut und betrachte die letzten blühenden Zweige des alten Rosenbuschs. Ein kleines Sträußchen sollte sich noch ausgehen.

Ein paar Atome für zu Hause …

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