Ein schrecklicher Irrtum …

Wir trafen uns immer auf ‚32‘. Wir, das waren vier Arbeitskolleginnen. ‚32‘ war die Nummer jener Freisprechanlage, über die wir auch am Klo erreichbar waren. Oder zumindest im Vorraum, in dem zwei kleine Bänke standen, auf denen wir uns täglich trafen, um den neuesten Flurfunk auszutauschen. Christa, die Reinigungskraft, Marie und Gerti aus der Schuhabteilung und ich aus der Deko. Es war zudem das einzige Örtchen, an dem man rauchen durfte. Die Namen sind erfunden. Die Geschichte ist es leider nicht.

Eines von Maries kleine Händchen war unter einem frischen Mullverband versteckt. In letzter Zeit wirkte sie verstört und in Gedanken. Sie lebte mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Baby abgeschieden in einem alten Haus in einem abgelegenen, schattigen Tal. Marie und ihre Familie gehörte die Wohnung im Parterre. Im Stockwerk darüber lebte der Schwager. Da Maries Mann die meiste Zeit des Jahres auf Montage war, war sie froh, mit dem Baby nicht allein sein zu müssen. Mit dem Schwager im Haus fühlte sie sich sicher.

„Was ist mit deinen Händen?“, fragte ich. Sie schwieg. „Marie, was ist los, hast du dich geschnitten? Sag schon!“ Nach einigem zögern fing sie mit gesenktem Blick und leiser Stimme an zu erzählen. „Mein Mann war seit einer Woche endlich wieder einmal zu Hause. Unsere Kleine freut sich immer wie verrückt, wenn er da ist und ich natürlich auch. Am Sonntagvormittag ist er nach dem Frühstück noch mal weggefahren, um im Gasthaus Zigaretten zu holen. Ich habe die Zeit genutzt, um aufzuräumen. Auf einmal steht mein Schwager in der Tür. Er hat ein Brotmesser in der Hand. Er hatte einen ganz komischen Blick. Als ober nicht bei sich wäre. Ich frage: „Was ist los, was willst du? Aber anstatt etwas zu sagen, packt er mich mit der freien Hand und wirft mich auf das Bett. Dann hat er mir das Messer mit solcher Gewalt in mein Brustbein gestoßen, dass sich die Schneide gebogen hat. Ich habe erst gar nicht begriffen, was da abläuft, aber ich habe ohne nachzudenken die Klinge umfasst und sie mit beiden Händen festgehalten, damit er nicht tiefer zustechen kann. Ich hab mich nicht einmal getraut zu schreien, weil ich nicht gewusst habe, wie er darauf reagieren würde. Mir ist so viel durch den Kopf gegangen. Warum macht er das, was habe ich ihm getan? Dann habe ich gesehen, wie mein Blut zwischen den Fingern auf die Bluse tropft, aber ich habe die Schneide nicht losgelassen“.

„Plötzlich habe ich die Stimme meines Mannes gehört. Der Schwager hat sofort von mir abgelassen, hat auf das Messer in seiner Hand geschaut und gestammelt: Um Himmels willen, was habe ich getan? Ich hab nur gedacht; ‚der hat den Verstand verloren‘, bin aufgesprungen und zu meinem Kind gerannt. Das war in meine größte Sorge. Aber sie hat im Nebenzimmer friedlich geschlafen und überhaupt nichts mitbekommen.“

Wir waren sprachlos. Christa fing sich als Erste: „Und- hast du ihn angezeigt?“ Schweigen. Gerti und ich einstimmig: „Hast du?“ „Nein“, sagte Marie leise. „Seine Familie hat beschlossen, ein Gutachten von einem prominenten Psychologen erstellen zu lassen und ich durfte auf keinen Fall zur Polizei. Seine Eltern haben mich richtiggehend angefleht“. Wir waren nun endgültig fassungslos. „Spinnst du, was ist, wenn er wieder ausflippt und dich umbringt? Ich würde keine Minute mehr bleiben“, rief Gerti. „Der Psychiater garantiert, dass es eine einmalige Angelegenheit war“, sagte Marie ruhig, zuckte mit den Schultern und senkte ihren Blick. Wir kriegten uns gar nicht mehr ein und rieten ihr eindringlich, den Kerl anzuzeigen. Immer wieder jeden Tag. Marie wollte es nicht. Wir gaben schließlich auf.

Einen Monat später- Landesnachrichten im Radio. ‚Heute Nachmittag hat sich in (-) ein Verbrechen ereignet. Eine junge Frau wurde auf brutalste Weise ermordet‘. Mir lief es augenblicklich kalt über den Rücken, denn in der Sekunde wusste ich, von wem die Rede war.
Marie.
Sie war tot! Ermordet von ihrem Schwager, der noch am selben Tag ein Geständnis ablegte.
Der Psychologe hatte sich geirrt.
Bis heute frage ich mich, ob wir drei nicht zu früh aufgegeben haben …

© Lo Padi 2019 Auszug aus meinem story one – Band Nr.3 „MACH DEN MUND AUF“

14 Comments on “Ein schrecklicher Irrtum …

  1. Das ist eine wirklich schlimme Geschichte! Ich denke jedoch nicht, dass ihr zu früh aufgegeben habt. Ihr wart ja anscheinend sehr ausdauernd in eurer Beharrlichkeit. Mehr geht nicht. Sie wollte sich nicht helfen bzw. zum Umdenken bewegen lassen. Von außen ist es meist schwierig bis unmöglich, sich in die Familienstrukturen anderer hinein zu versetzen. Der Druck, die Scham, das Nicht-Wahrhaben-Wollen etc. Vertuschung und Verharmlosung ist da oft das. Titel der Wahl. Sie hätte gehen bzw. wegziehen sollen und aus meiner Außensicht auch unbedingt müssen. Von de Notwendigkeit einer Anzeige bei der Polizei mal ganz abgesehen. Aber sie wollte das nicht – und ihr Mann ja offenbar auch nicht – und hatte sicher ihre Gründe dafür. Mit schrecklichen Folgen.

    Gefällt mir

  2. Traurig! Gehört unter die Rubrik „Femizid“. Es ist furchtbar, was da passierte.
    Ihr braucht euch da keine Schuld zu geben, da ihr es nicht ändern konntet. Es wäre an ihr gewesen, die Konsequenz aus dem ersten Überfall zu ziehen. Ich frage mich nur, warum sie die Wohnung nicht abgeschlossen hatte. Das wäre das Mindeste. Jeder braucht seine Privatsphäre. Da war von Grund auf schon einiges falsch gelaufen. Wie bringt die Familie es fertig dem Kind zu sagen, dass der Onkel die Mama ermordet hat???

    Gefällt 2 Personen

  3. Puh, eine krasse Story, wie sie das Leben – leider – immer wieder schreibt.
    Ich persönlich würde ja auf „alte Rechnungen“ aus anderen Leben tippen, was sich da entladen hat. Und nein, ich glaube auch nicht, dass ihr zu früh aufgegeben habt. In solche engen Strukturen, so einen Mikrokosmos von Beziehungen, dringt man als Außenstehender in der Regel nicht ein.

    Gefällt 1 Person

  4. Das vierte Mal fange ich nun den Kommentar an und finde nicht die richtigen Worte. Ihr Mädels habt aber definitiv alles richtig gemacht. Ihr seid nicht müde geworden, ihr immer und immer wieder zu sagen, dass sie die Tat zur Anzeige bringen soll. Doch die Familienbande war wohl stärker. Am Ende hat der Schutz eines entgleisten Familienmitgliedes die ganze Familie zerstört. Mir tut es sehr, sehr Leid für die hinterbliebenen Familienmitglieder, die damit leben müssen und sich fragen: „Was wäre gewesen, wenn…“
    Fühl dich gedrückt, liebe Lore! 💛

    Gefällt 1 Person

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

<span>%d</span> Bloggern gefällt das: