Hide and Seek

Das Szenario ist bedrückend. Das Set apokalyptisch. Die Kamera zoomt zwischen Müll hindurch auf einen Jungen. Nicht älter als zehn. Er trägt eine Gasmaske. Laut ruft er „15 – 16 – 17- 18 – 19“. Das Aufsagen der Zahlen im Sekundentakt erinnert mich an meine Kindheit. Es erinnert mich an „verstecken spielen.“ Nur scheint es hier fehl am Platz.

Nächste Einstellung; ein zweiter Junge in ähnlichem Alter rennt durch die trostlosen Gänge eines zerstörten Gebäudes. Er lugt hinter einen Plastikvorhang und stört dabei eine verwahrlost aussehende Frau am Klo. Mit ärgerlichem Gesichtsausdruck zieht sie den verdreckten Fetzen wieder zu.

Szenenwechsel; die Kamera schwenkt auf einen Löffel, in den Wasser aus einem großen Plastikkanister tropft. Der Kanister ist fast leer. Ein Löffel wird behutsam an den Mund eines Verwundeten geführt.Sein Kopf ist verbunden und das Gesicht blutverschmiert. Er liegt auf einer nackten Holzbank. Seine wunden Lippen öffnen sich langsam, um die Kostbarkeit aufzunehmen. Unwillkürlich halte ich die Luft an, weil ich fürchte, es könnte ein Tropfen verschüttet werden. Die Frau, deren hübsches Gesicht in absurdem Kontrast zur verwüsteten Umgebung steht, legt sieben Streichhölzer auf eine Kiste und nimmt ein großes Schlachtermesser. Sie wählt ein Hölzchen und kürzt es. Dann mischt sie die Streichhölzer und lässt sechs Frauen ziehen. Noch begreife ich nicht, wozu das Ganze gut sein soll. Was wird hier entschieden? Eine nach der anderen wählt zögernd ein Streichholz. Die Angst steht ihnen dabei ins Gesicht geschrieben. Die Frau aus dem Klo verweigert. Die Schöne zieht für sie.

Der Zufall trifft eine Frau, die ihr Neugeborenes im Arm hält. Stumm und mit verzweifeltem Gesichtsausdruck übergibt sie das Bündel der Schönen, nimmt den leeren Kanister und geht. Vorsichtig bahnt sie sich einen Weg durch den Schutt des zerstörten Fabrikgeländes. Sie bewegt sich entschlossen und gleichzeitig vorsichtig um keinen Lärm zu verursachen. Dann tritt sie ins Freie, rennt hinter eine schützende Mauer und wartet. Langsam wird mir klar, hier herrscht Krieg!

Die Kamera schwenkt auf einen Gewehrlauf, der aus einem Fenster gegenüber ragt.Hier wartet der Feind darauf, Menschen, die Wasser holen, zu töten.Die Frau wirft den Kanister ein paar Meter von sich fort. Dann rennt sie hinterher.Sie schafft es den Brunnen zu erreichen.Über ein schweres Rad aus Holz holt sie an einem Seil den Eimer hoch. Er ist undicht und verliert das Wasser. Sie denkt nach. In rasender Eile reißt sie sich die Bluse vom Leib, stopft sie in den Eimer, lässt ihn hinab und zieht das kostbare Nass aus dem Brunnen. Sie füllt den großen Kanister nur zur Hälfte und schleppt ihn zurück in das Versteck. Vor dem Eingang in das Gebäude lauert wieder der Tod.

Szenenwechsel in das Versteck. Die Frau vom Klo wiegt das schreiende Baby in ihren Armen.Die Schöne greift nach den Zündhölzern.
Es sind nur noch drei.

*Aus einem Kurzfilm des Serben Ognjen Petkovic. Kurzfilmfestival Zell am See 2019
Dieser Kurzfilm soll die Gräuel des Kroatienkrieges 1991 – 1995 mitten in Europa erinnern

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