Sonntagsgeschichte #11

Ich bin dann mal weg und verabschiede mich mit einer Kurzgeschichte. Für die nächsten Wochen am Meer ist ein Schiffstagebuch geplant. Eine stramme tägliche Zusammenfassung plus einem Foto. Nicht alle unter euch sind Segler und ich will euch nicht langweilen. Aber nun zur Geschichte;

„Wie die Eva …“

Ich war noch ein Kind. Ein kleines Kind. Fünf Jahre alt. Ungefähr. Das, was an diesem Tag geschah, blieb in meinem Kopf. Bis heute. Es war so eindrücklich, dass wenn ich daran denke, die Geschichte wie ein Kurzfilm vor meinem geistigen Auge abläuft.

Die Essenglocke hatte geläutet und jetzt hieß es hieß sich sputen. Mamm, so nannten damals alle meine Oma, wurde grantig, wenn man nicht unmittelbar nach dem letzten Glockenschlag geschnäuzt und mit gewaschenen Händen am Tisch saß. Ich kam vom Stall. Dort war ich andauernd, denn ich war verliebt in eine Kuh. In eine Kuh namens Eva. Sie war eine Monatfonerin. Sie war die „Meine“. Wegen ihrer Augen. Das Montafoner- Rind hat die schönsten Augen der Welt. Es war eine stille Vereinbarung zwischen uns, von der niemand etwas wusste, ausser wir beide.

An diesem Tag saßen schon alle in der Küche. Nur die Mamm wuselte noch geschäftig zwischen Herd und gedecktem Tisch hin und her. Gerade wollte ich meinen Platz auf der Bank einnehmen, da sagte mein Onkel: „Wie die Eva“. Alle schauten mich an. „Wie die Eva“- was meinten sie damit?

Sogar die Mamm hörte auf, die Männer zu bedienen und sah mich an. Sie lächelte und plötzlich lächelten alle. Es war ganz still in der Küche. Keiner sagte etwas. Alle schauten mich an. Großvater, den wir damals alle Dati nannten, hob leicht die Schultern und musterte mich eingehend. Dann sagte er. „Ja, irgendwie schon“. „Die Augen!“ Langsam begann ich mich unwohl zu fühlen und wollte von mir ablenken: „Mamm schau, ich habe mir die Hände gewaschen“. „Sie sind jetzt ganz sauber!“ Als Beweis drehte ich ihr meine Handflächen entgegen. „Ist schon gut“, sagte sie. „Setz dich hin“. Und plötzlich war alles wieder wie immer.

Dati nahm als erster den Schöpfer und fischte ein paar Griesknödel aus dem Suppentopf. Dann goß er sich die dampfende Rindsuppe darüber und begann zu essen. Die Mamm hatte viel frischen Schnittlauch über die Suppe gestreut und Dati lobte ihre Kochkünste. In der gewohnten Reihenfolge nahm sich jeder seinen Teil und am Ende kam auch ich dran. Ich löffelte schneller als sonst, denn ich hatte es plötzlich sehr eilig. Nachdem ich aufgegessen hatte, sagte ich, dass ich keinen Hunger mehr hätte und aufstehen möchte. Die Mamm schaute mich verwundert an, denn ausgerechnet heute gab es meine Leibspeise.„Bist du sicher, magst kein Schnitzerl?“, fragte sie. Ich war sicher. Schließlich durfte ich aufstehen und endlich die Küche verlassen.

Ich rannte in das Schlafzimmer meiner Großeltern. Darin hing ein großer Spiegel. Ich stellte mich davor und betrachtete eingehend mein Gesicht. „Wie die Eva …“- und plötzlich verstand ich. Wenn man so viel mit Kühen zusammen war wie ich, dann begann man ihnen zu ähneln. Aber meine Augen sahen trotzdem ganz anders aus! Ich zog an meinen Lidern, aber ich wurde der Kuh nicht ähnlicher. Ich verstand die Welt nicht mehr.

Wie hätte ich auch sollen? Damals wusste ich noch nicht, dass nicht die Mamm meine Mutter war, sondern eine Andere. Und die hieß Eva …

© LoPadi 2021-07-04

Foto: http://www.unsplash.com

2 Comments on “Sonntagsgeschichte #11

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: