»Alltag«, werden jetzt einige denken. »Ist doch Urlaub!«. Na ja, nicht ganz. Mucki muss gefahren und gewartet werden und das ist in unserem Fall relativ oft. Wir bleiben maximal vier Tage an einem Platz. Das heißt Möbel, Bodenmatte, Stabilisatoren, Keile, rein und raus. Fäkalienbox leeren und reinigen (Das ist üblicherweise Männersch…) im wahrsten Sinne des Wortes), Grauwassertank leeren. Selten ist der Stellplatz eben. Dann muss ausgeglichen werden. Ist der Boden sandig, ist es auch der Lebensraum. Da heißt es dahinter sein, damit wir nicht VERsanden. Gibt es am Platz eine Waschmaschine, wird Wäsche gewaschen.

In der Regel bleiben wir zwei Tage an einem Standort. Wir sind Reisende und keine tagtäglich vor dem Womo sitzenden. Das heißt, Routen und Stellplätze organisieren, Ausflüge planen. Wir machen das meistens über Google. Durch den heurigen Reinfall mit dem Navi wissen wir diese Methode wieder zu schätzen. Viele Zeit-Ungebundene wie wir sind auf den Nachsaison-Geschmack gekommen und es wird immer mehr. So mancher Platz war heuer ausgebucht.

Das hat seinen Grund. An vielen Stränden Griechenlands kann man selbst im November noch baden. Von Wanderungen und Radtouren ganz zu schweigen. Das belebt die ehemals ruhige Nachsaison immer mehr.
Will man heutzutage allein sein, muss man frei stehen. In Griechenland und auch andernorts kein Problem. Es wird meistens toleriert. Ich mag es halt nicht, weil ich am Ende des Tages gerne mit Süßwasser dusche. Salz auf der Haut mag wie im gleichnamigen Film zwar romantisch sein, ist aber nichts für mich. Verschwitzt und klebrig in der klammen Bettwäsche – nein danke. Mein Techniker ist, was das anbelangt, eher entspannt. Ich nicht. Bin ich halt mal Zicke. Was soll’s.
Aber Komfort kostet. Für eine Nacht am Campingplatz inklusive Stromanschluss und Wasser haben wir bisher zwischen 17 und 35 Euro bezahlt. Wer in der Nachsaison unterwegs ist, tut gut daran, sich Camping-Rabattkarten zuzulegen. Das reduziert die Stellplatzkosten um bis zu 50%! Das mag auch mit ein Grund sein, warum immer mehr Camper die Nachsaison nutzen.
Der Tag beginnt bei uns beiden mit einer Runde Gymnastik und Yoga und dann geht’s ab in die mehr oder weniger saubere Dusche.
Was das anbelangt, haben wir schon einiges erlebt. Von: Um Himmels willen, nur nicht die vor Dreck starrenden Fliesen berühren, bis hin zu blitzsauberen Waschhäusern, war alles dabei. Natürlich könnten wir auch an Bord duschen, aber das ist eng und aufwendig, denn Mucki hat keine separate Duschkabine. Außerdem ist der Wasservorrat an Bord begrenzt.

Danach frühstücken wir ausgiebig. Dauerwurst, Konserven und die unabdingbare Spezialmargarine für den Techniker wurden ausreichend gebunkert. Das Ganze ergänzen wir mit frischem Obst und Gemüse aus den Geschäften vor Ort. Am Sonntag gibt’s als Highlight ein gekochtes Ei. Anschließend reinige ich das Geschirr an dem dafür vorgesehenen Ort am Platz.


Nach dem Frühstück genießen wir das kristallklare Meer, liegen faul in der Sonne oder erkunden die Umgebung. Während ich an meinem Blog schreibe, lese oder mit Hausfrauenkram beschäftigt bin, tauscht der Techniker Erfahrungen mit anderen Campern aus oder geht seiner Lieblingsbeschäftigung, allen Unwissenden gute Ratschläge erteilen, nach. Abends gehen wir essen. Im Womo koche ich selten. Außer, mein Mann sehnt sich nach meinen Kochkünsten. Dann gibt es ein einfaches Gericht, wie zum Beispiel Spaghetti.


In den letzten Jahren sind sie auch in der Nachsaison gut belegt bis ausgebucht. Aber es gibt sie noch – die ruhigen Ecken. Meist liegen sie abseits der Metropolen. Aufgrund der erhöhten Reichweiten mittels Elektro- und Motorrädern, die beinahe jeder Camper dabei hat, sind ein paar Kilometer Entfernung zum Ort des Begehrens kein Problem mehr. Campen boomt. Montenegro, Mazedonien und Albanien sind längst keine Geheimtipps mehr. Selbst Nordeuropa ist überlaufen. Autarkes, freies Campen wäre eine Möglichkeit, dem Rummel zu entfliehen. Aber das ist, wie zuvor erwähnt, nicht meins.









Bald müssen wir uns entscheiden; Fähre von Patras oder Igoumenitsa nach Bari oder Rückweg über Land. Eine Nacht auf dem Schiff nach Italien und circa 1000 km bis nach Hause oder 1600 km über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Wien nach Salzburg. Gerade sind wir in Igoumenitsa angekommen. Hier ist es wesentlich wärmer als am Peloponnes. Starker Südwind, 30 Grad! Deshalb: nur kein Stress. Schaun wir mal, dann seh’n wir’s schon …
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Wir packen zum ersten Mal unsere (nicht E-) Räder aus und radeln die Küste zwischen Stoúpa und dem etwas südlicher gelegenen malerischen Dörfchen Agios Nikolaos entlang.



Wir radeln weiter an einsamen Buchten vorbei in Richtung Süden. An einem malerischen Minihafen mit ein paar Fischerbötchen halten wir an. Schön ist es hier. Beschaulich und ruhig. Oberhalb des Hafens, vor einem Steinhaus, sitzen Menschen im Schatten eines Maulbeerbaumes an einem reich gedeckten Tisch. Eine Taverne? Neugierig gehen wir nach oben.

Aber dann erkennen wir; keine Taverne, das ist eine Familie vor ihrem Haus! Wir entschuldigen uns für das Eindringen. Als wir gehen wollen, hält uns eine schwarz gekleidete Frau zurück und bittet uns zu bleiben. Ehe wir es uns versehen, holt sie zwei Stühle. Da wir kein Griechisch sprechen, gestikulieren wir, dass wir keineswegs stören wollten und dachten, es handle sich um eine Taverne. Alle lachen und bestehen darauf, dass wir uns setzen. Ein schmaler, ebenfalls schwarz gekleideter Mann, der das Oberhaupt der Familie zu sein scheint, spricht Englisch und übersetzt. So erfahren wir, dass sie gerade vom Begräbnis eines Verwandten kommen. Jetzt ist uns das Ganze noch peinlicher. Doch sie beschwichtigen. Man bedaure zwar den Tod, aber der gehöre nun mal zum Leben. Man schaue nach vorne.
Zögerlich setzen wir uns. Die Frau bringt Rotwein und Teller. Der Hausherr verschwindet kurz und serviert wenig später saure Sardellen und geräucherten Fisch. Alles selbst gemacht, verkündet er stolz. Er ist erst zufrieden, als wir alles probiert haben. Es schmeckt köstlich. Auch der Wein. In dieser Hinsicht haben die Griechen aufgeholt. Ihre Weine werden inzwischen international prämiert.






Je länger wir uns unterhalten, desto mehr entspannen wir uns und umso interessanter wird es. Das Familienoberhaupt ist Ingenieur in Maschinenbau und seine Tochter ebenfalls. Sie sei die Einzige in Griechenland, erzählt der Vater stolz. Sogar mit eigener Firma. Er selbst hat in Stuttgart, Kalifornien und New Orleans gearbeitet und es zu Wohlstand gebracht. Drei Ferienhäuser befinden sich heute in seinem Besitz. Besonders faszinierend fand ich, dass die Ingenieurin auch eine leidenschaftliche Apnoe-Taucherin ist und bis zu drei Minuten unter Wasser bleiben kann. Das zu können, davon träume ich, seit ich Luc Bessons Le Grand Bleu gesehen habe.
Mein Techniker ist auch ganz aus dem Häuschen. Als dann noch der Name Bosch fällt und mein Mann erwähnt, dass er maßgeblich an der Entwicklung von AdBlue beteiligt war, geht der Diskurs erst richtig los. Es werden Erfahrungen, Mailadressen und Telefonnummern ausgetauscht und die Zeit vergeht wie im Flug.
Und dann war da noch diese Malerei von Giorgos Koftis auf der Hafenmauer unterhalb des Hauses.

Was für ein Tag! Voller Eindrücke radeln wir zurück. Genau diese Momente sind es, die diese Art des Reisens so besonders machen. Wir sind gespannt, was uns noch erwartet. Es geht nun auf die andere Seite, nach Pylos und dann Richtung Norden. Bisher war das Wetter uns hold und die liebe Gerda hat uns schon wieder mit Tipps versorgt. Von Zuhause hören wir vom ersten Frost. Ich glaube, wir lassen uns noch ein bisschen Zeit …
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Wir bummeln in den Süden Griechenlands. An Patras vorbei in die Mani.

Es sind meine ersten Fahrstunden mit dem Mucki. Erst will ich nicht, aber dann machts Spaß. Einige Straßen stellen zwar eine Herausforderung dar, aber ich habe sie gemeistert. Dafür sind die Autobahnen in Griechenland erstklassig ausgebaut, schnurgerade und fast schon langweilig. Mein Techniker verleiht mir symbolisch per Schulterklopfen den Lkw-Führerschein. Das macht selbstbewusst und so parke ich bald selbstständig und ohne Probleme ein und aus. (Ich weiß; Angeberin!)😜
Wir machen Halt in Olympia. Nach der antiken Stätte von Butrint verzichten wir allerdings auf die Besichtigung der Ausgrabungen und besuchen stattdessen jenes Museum, in welchem die Geschichte der Olympischen Spiele erzählt wird. Es war eine gute Entscheidung, denn die Ausstellung ist sehr interessant.
Die Wettkämpfe waren ausschließlich Männern vorbehalten, die splitterfasernackt gegeneinander antraten. Laufwettbewerbe, diverse Faust- und Ringkämpfe sowie der Pentathlon. Dieser antike Fünfkampf bestand aus Diskuswurf, Weitsprung, Speerwerfen, Laufen und Ringen. Eine besondere Attraktion war der Stiersprung. Frauen waren selbst als Zuschauerinnen nicht zugelassen.
Bezüglich der Hygiene amüsiere ich mich über die Reinigung der verschwitzten, öl- und sand-verschmierten Körper. Die Athleten schabten sich mit eigens dafür hergestellten Eisen Schweiß und Sand vom Körper. Ob sie danach ein Bad oder eine Dusche nahmen?





Über meinen eigenen WordPress-Blog habe ich Gerda kennengelernt. Sie lebt mit ihrem Mann in der Mani. Ich wusste, dass es in der Nähe von Kalamata ist, und nachdem wir ebendort keinen Stellplatz ergattert haben, stellten wir uns einige Kilometer südlich frei an den Strand. Wir sind ein wenig unsicher, ob die Einheimischen das gerne sehen und fragen in einem kleinen Laden, in dem wir Brot kaufen, nach. Die Besitzerin lacht und meint: „Das ist bei uns hier kein Problem. Wer soll sich schon darüber aufregen!“ Wir haben zwar schon von anderen Campern gehört, dass es kein Problem ist, aber ich finde, dass man trotzdem fragen soll.
Wir essen zu Abend und legen uns schlafen. Die Meeresbrandung rauscht uns das Schlaflied. Ich schlafe unruhig, denn Nachts gesellen sich immer wieder Autos zu uns und ich werde jedes Mal davon wach. Obwohl uns niemand böses will, fühle ich mich nicht wohl dabei.





Am nächsten Morgen nehmen wir ein Bad im Meer und spülen mit etwas Süßwasser aus dem Womotank nach. Gegen Mittag düst ein weißes Auto heran und hält an Muckis Seite. Es ist Gerda. Wir haben genau an jenem Ort Kontakt zu ihr aufgenommen, in dessen Nähe sie zu Hause ist. Was für ein Zufall! Gerne würden wir im kleinen Örtchen am Meer frühstücken, aber es ist schon alles geschlossen. Saisonende. Daraufhin lädt uns Gerda kurz entschlossen in ihr Domizil ein, von wo aus sich ein herrlicher Ausblick auf Meer und Gebirge bietet. Wir lernen ihren Mann kennen und diskutieren über Gott und die Welt. Zu schnell vergeht die Zeit. Gerne nehmen wir ihre Tipps für weitere schöne Plätze in der Mani an. Dann ziehen wir weiter. Mucki scharrt schon mit den Reifen und der Techniker hat ein neues Begehr. Ein Haus am Meer …
Über eine teilweise abenteuerliche Straße (Gerda hatte uns gewarnt) erreichen wir Stoúpa, ein ehemaliges Fischerdorf.
Es diente dem Dichter Nikos Kazantzakis als Vorlage für den Roman Alexis Zorbas. Der Film selbst wurde jedoch auf Kreta gedreht. Es herrscht noch reges Treiben am Strand und in den zahlreichen Tavernen, die mit typisch griechischen Köstlichkeiten aufwarten. Wie es scheint, ist der Ort gerade in eine britische Invasion geraten. Englische Touristen sind eindeutig in der Überzahl. Wir mögen sie, denn die Briten sind freundlich, humorvoll und kommunikativ. Letzteres schätzt vor allem mein Techniker, denn er versucht jeden vom Fehler des EU-Austrittes zu überzeugen.
Der Campingplatz ist einfach, aber sauber. Es gibt sogar Waschmaschinen, von denen ich sogleich eine nutze. Bald flattert die Wäsche in der milden Meeresbrise und wieder ist ein Tag vorbei. Wir sind die vierte Woche unterwegs und haben viel gesehen und erlebt. Langsam wird es Zeit, die Rückreise zu planen.
Aber bis es so weit ist, zieht es uns noch weiter in den Süden der Mani, denn angeblich soll es dort noch schöner sein …



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