Sonntagsgeschichte

Bevor es mit dem Womo losgeht, noch eine kleine Geschichte;

1989 auf dem Flug nach Mallorca

„Spinnst Du?“, rief meine Freundin empört und schüttelte den Kopf. „Den Bruno überraschen, in seinem Ferienhaus, bist Du verrückt?“ Ich verstand die Aufregung nicht. „Warum?“ „So eine Gelegenheit ergibt sich nie wieder und es ist die letzte Chance, ihn persönlich kennenzulernen“, warf ich ein. „Mach was Du willst.“ „Ich mag den nicht, ohne mich!“ Damit waren Diskussion und Plan beendet.

1983:

Ich war 25. Die Roten unter Bruno Kreisky regierten seit 13 Jahren mit absoluter Mehrheit. Von Kindesbeinen an, hatte mir Großvater eingetrichtert, wer politisch die Guten und wer die Bösen sind. Letzteres waren aus seiner Sicht die Schwarzen. In seinem Fall verständlich, denn „christlich soziale“ Parteischergen knüpften 1934 einen Arbeitskollegen vor seinen Augen auf. Das prägt. Und weil ich Opa liebte, färbte diese Gesinnung auf mich ab. Es ging gar nicht anders.

Ende der Siebziger fing der Erfolg der Partei an zu bröckeln. Affären und Skandale beschädigten den Ruf. Wie so viele Wähler war ich enttäuscht. Die korrupten Seilschaften der Cliquen gefielen mir nicht. Kurz entschlossen schrieb ich dem Kanzler einen sechs Seiten langen Brief. Er begann mit den Helden der Dreißigerjahre und endete mit dem Vorwurf über den Sittenverfall der Partei. Die Gründer der Bewegung würden sich im Grab umdrehen!

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Meine Aufregung und der Respekt waren so groß, dass ich mich erst nicht traute, das Kuvert zu öffnen. Schließlich siegte die Neugier. In der linken Ecke des Briefkopfes stand in schlichten Buchstaben BRUNO KREISKY. Ich konnte es noch immer nicht glauben. Er schrieb, dass er sich über den Brief gefreut habe. Meine negative Sichtweise jedoch mache ihn traurig. Er würde mich gerne kennenlernen und ich sollte nach Wien kommen. Ein Foto mit persönlicher Widmung lag bei.

„Was für eine Ehre“, schwärmte mein Großvater- und ja, das empfand ich auch. Dennoch schob ich die Einladung vier Jahre vor mich her. Großvater wurde 80. Ich bat Kreisky um ein paar persönliche Zeilen für seinen glühendsten Verehrer. Diese trafen prompt ein. Die Zeit verstrich. Es ergab sich ein beruflicher Termin in Wien. Wieder schrieb ich einen Brief. Ob er sich an mich erinnere und ob ein Treffen möglich sei. Er antwortete, dass er leider nach Brüssel verreisen müsse und ein paar Wochen auf den Balearen verbringe.

Wenig später, auf einem Flug nach Mallorca, kam mir die spontane Idee, ihn in seinem dortigen Ferienhäuschen zu besuchen. Meine Freundin fand das verrückt. Vielleicht war es das, aber ich bereue es bis heute, alle Chancen verpasst zu haben.

© LoPadi 2023-09-17


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4 Comments on “Sonntagsgeschichte

  1. Vielleicht bist du genau deswegen zur Macherin geworden, um dich nicht über verpasste Chancen ärgern zu müssen, liebe Lore? 😉 Spannend wäre die Begegnung auf alle Fälle gewesen. 😃 Herzliche Grüße, Eva

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