Schreiben-Reisen-Lebensbilder
Veröffentlicht am 26. Januar 2025 von Lopadistory
Ich war noch ein Kind. Ungefähr sieben Jahre alt. Aber an dieses Ereignis erinnere ich mich bis heute.
Die Essensglocke läutete und ich war wie immer zu spät. Mamm, so nannten alle meine Oma, konnte sehr ungehalten werden, wenn ich nicht unmittelbar nach dem letzten Glockenschlag geschnäuzt und mit gewaschenen Händen am Tisch saß. Ich kam vom Kuhstall. Jener Ort, an dem ich mich am liebsten aufhielt. Denn dort war das Zuhause meiner besten Freundin Eva. Eine Kuh der Rasse Montafon. Sie war „Meine“. Wegen ihres lieben Gesichtes und vor allem der Augen. Die waren groß und dunkel, mit dichten, langen Wimpern.
Die ganze Familie saß schon am Tisch. Großvater, Onkel und Tanten. Nur die Mamm eilte geschäftig zwischen Herd und Tisch hin und her. Gerade als ich mich setzen wollte, musterte mich einer meiner Onkel und sagte: „Wie die Eva“.
Alle schauten mich an. Meinten die mich? Und wer war Eva?
Sogar die Mamm blieb stehen und schaute prüfend. Einige Familienmitglieder schmunzelten. Opa, den wir alle Dati nannten, kniff die Augen ein wenig zusammen und musterte mich eingehend und brummte leise. „Ja, irgendwie schon“. „Die Augen vielleicht!“ Langsam begann ich mich unwohl zu fühlen. Ich zupfte an Omas Schürze und sagte: „Mamm schau her, meine Hände sind gewaschen und ganz sauber!“ Als Beweis drehte ich ihr meine Handflächen entgegen. „Ist schon gut“, sagte sie. „Setz dich endlich hin“. Alle wandten sich dem Essen zu und alles war wie immer.
Dati nahm als erster den Schöpfer und fischte ein paar Griesknödel aus dem Topf. Dann goss er sich die dampfende Rindsuppe darüber und begann zu essen. Der frische Schnittlauch leuchtete, wie grüne Farbtupfer auf der Suppe.
Dati lobte die gute Küche. In der gewohnten Reihenfolge nahm sich jeder seinen Teil und am Ende kam ich an die Reihe. Ich wollte der Sache mit der Eva auf den Grund gehen und deshalb aß ich noch schneller als gewöhnlich. Nachdem ich aufgegessen hatte, teilte ich der Mamm mit, dass ich keinen Hunger mehr hätte und ob ich aufstehen dürfte. Die Mamm schaute mich an, denn heute gab es als Hauptspeise Wiener Schnitzel. Ich liebte Wiener Schnitzel. „Bist du sicher, dass du kein Schnitzerl magst?“, fragte sie verwundert.
Ich war sicher.
Schnell rannte ich über die knarrende Holzstiege hoch, in das Schlafzimmer meiner Großeltern. Darin hing ein großer Spiegel. Ich stellte mich davor und betrachtete mich eingehend. „Wie die Eva“ …
Und plötzlich begriff ich. Wenn man so viel mit einer Kuh zusammen ist wie ich, sieht man mit der Zeit aus wie sie. Ich riss meine Augen auf, aber die waren nicht so groß und schön wie die von meiner Kuh Eva. Und sonst konnte ich auch keine Veränderung erkennen. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Wie hätte ich auch sollen? Denn damals wusste ich noch nicht, dass Oma nicht meine leibliche Mutter war, sondern eine andere.
Und die hieß …
Aus meinem Buch „Als wir uns noch wehtun durften.“

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Kategorie: FAMILIE, HUMOR, Kurzgeschichten, SCHREIBEN, Short Stories, VERÖFFENTLICHUNGENSchlagworte: Erinnerungen, Kindheit
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Schönen entspannten Sonntag 😀 Bei uns ist’s trüb und regnet 😦
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Auch dir liebe Lore einen schönen Sonntag und danke für diese schöne Geschichte.
Liebe Grüße, Roland
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was für eine Geschichte! Mit einem Kliffhänger vom besten.
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Danke, liebe Gerda 🙂
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