Trüb der Tag- fantastisch der Anblick. Die Aufnahme des kapitalen Hirsches mit seinen „Damen“ war faszinierend und mystisch.



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Meine Kindheit verbrachte ich am Bauernhof meiner Großeltern. Die gesamte Familie war von ausgesprochen pragmatischer Natur. Man argumentiert logisch, redete nur darüber, wovon man tatsächlich Bescheid wusste und aß nur, was man kannte. Was man nicht wusste oder kannte, war Unsinn und somit nicht der Rede wert. Ein Geheimnis blieb ein Geheimnis. An Wunder glaubte keiner. Ich auch nicht. Bis auf eines; bis heute frage ich mich: Wer hat am Heiligen Abend das Glöckchen geläutet? Als Kind habe ich nicht darauf geachtet, denn es war klar, dass es nur das Christkind sein konnte. Aber später, als ich nicht mehr daran glaubte, begann ich mich zu fragen. Wer war es wirklich?
Der 24. Dezember lief stets nach einem gewohnten Ritual ab. Wir Kinder hatten am Nachmittag das Haus zu verlassen, um entweder Schlitten zu fahren oder „bretteln“ zu gehen. Es gab in der Nähe keinen Lift und so wanderten wir mit unseren alten, oft schon über Generationen vererbten Schiern zum nächstgelegenen Hügel. In meiner Erinnerung lag immer genügend Schnee, denn vom Klimawandel war damals noch keine Rede. Manchmal bauten wir Iglus, tobten herum oder lieferten uns gewaltige Schneeballschlachten. Erst als es dämmerte, stapften wir durchnässt und müde nach Hause. Unsere Wangen glühten und unser einfaches Gewand aus Wolle war übersäht mit Knöllchen gefrorenen Schnees. Wir schlüpften aus unseren feuchten, schweren Sachen und zogen uns „etwas Schönes“ an.
Danach setzten wir uns hungrig an den riesigen Esstisch in der geräumigen Küche. Es gab wie jedes Jahr Wurstaufschnitt und Mayonnaisesalat. Und jedes Jahr war einem von uns Kindern vor lauter Aufregung schlecht. Der Großvater brummte ständig irgendwas vor sich hin. Das war seine Art zu zeigen, dass er den Rummel rund um Weihnachten nicht mochte. Es war ihm zu viel. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er jemals etwas geschenkt hat. Auch nicht uns Kindern. Das ist aber bei den vielen Packerl gar nicht aufgefallen. Um sieben Uhr- nach dem Essen kam das Christkind. Wir standen alle in der Küche und warteten gespannt auf das Läuten des Weihnachtsglöckchens. Die Wohnstube lag direkt daneben und die Tür war, bis das Christkind kam, den ganzen Tag verschlossen. Es brauchte schließlich seine Ruhe beim Schmücken des Baums. Dann war es endlich so weit. Es läutete und wir durften eintreten. Am festlich geschmückten Baum leuchteten die Kerzen, die Funken der Sternreißer blitzten und darunter lagen die ersehnten Packerl.
Als ich älter wurde und nicht mehr ans Christkind glaubte, passte ich ganz genau auf, ob während des Wartens jemand den Raum verließ, aber immer waren alle da! Bis heute weiß ich nicht, wie es möglich war, dass das Glöckchen läutete.
Egal, wen aus der Familie ich frage, ich bekomme keine befriedigende Antwort. Alle lächeln geheimnisvoll und sagen: „Das Christkind natürlich!“ Und wenn ich sage: „Das kannst Du der Tante Emma erzählen“, kommt als Antwort: „Dann ist es wohl ein Weihnachtswunder“.
© LoPadi 2021 Auszug aus meinem Buch „Als wir uns noch wehtun durften“ Foto: Reinhardt Sampl http://www.atelier-sampl.com/

Stille hören
Schritte setzen
achtsam und leise.
Bewusstes Atmen
ein und aus.
Den Puls fühlen,
den Herzschlag hören,
die Gedanken fliegen lassen.
Stille hören
das Flüstern des Windes,
das Gleiten der Wellen,
wenn sie am Ufer verlaufen
wie unser Leben
irgendwo, irgendwann.
Stille hören
bevor es zu spät ist.
Denn dann ist es still. Ganz still.
Das Leben spüren mit allen Sinnen.
Vor allem sich selbst.
©LoPadi2021