Ein Spaziergang am Ufer eines Salzburger Sees brachte mich auf die Idee, die schlummernden Sommerhütten und Häuser zu fotografieren. In der Saison, wenn das Leben spielt und die Kinder toben, sind die Häuschen nur ein Beiwerk der Freude und ich komme nie dazu, sie ohne Menschen abzubilden. Heute war es nasskalt und windig. Der Uferweg blankes Eis. Es waren nur ganz wenige unterwegs. Eine gute Gelegenheit, die ich gleich genutzt habe.
Gleichzeitig fragte ich mich, wie wird er sein der kommende Sommer. Heiß, kühl, trocken, nass? Wer weiß. Was wird der kommende Sommer überhaupt für uns bereithalten. Vielleicht will ich es gar nicht wissen …
SCHAUN MER MAL …






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Friesach, Österreich
1964–1964
Jeden Tag brauste er heran. Fritz der Briefträger. Mit seiner Puch MS 50. Meistens war er schon etwas unsicher auf den Rädern, versuchte aber trotzdem seine Würde zu bewahren. Er war sich seines Status bewusst, denn ein Briefträger war damals noch wer. Er war groß, von hagerer Statur und sah ziemlich durchschnittlich aus. Wie so viele damals trug er ein „Adi-Oberlippen-Bärtchen“. Ich fand das komisch, aber er fühlte sich sehr bedeutend damit.
Meine Oma, die im Übrigen außerordentlich neugierig war, wurde, bevor er kam, immer ganz unruhig. Sie konnte es fast nicht erwarten, ihn über die neuesten Gerüchte ausfragen zu können. Wenn es dann endlich so weit war, holte sie ein Stamperl aus der Kredenz und füllte es mit einem selbstgebrannten Obstler. Weil meine Oma klein war, musst sie sich immer recken und strecken, um die Schnapsflasche zu erreichen, denn die stand zur allgemeinen Sicherheit ganz oben am Geschirrschrank.
Auch ich war aufgeregt, denn der Briefträger brachte außer der Zeitung und einem oder zwei Briefe viele interessante Geschichten mit. Er war so was Ähnliches wie eine Dorfzeitung. Das liebte meine Oma, denn sie war, wie ich schon sagte, außerordentlich neugierig. Wenn dann der Fritz endlich vom Moped stieg und mit seiner großen schwarzen Posttasche vor ihr stand, strahlte sie ihn an und er strahlte mit leicht glasigem Blick zurück.
Danach überreichte er die Post, schmiss anschließend seine Tasche in die Ecke und ließ sich mit einem „ich bin so frei“ hinter dem Schnaps auf der Bank nieder. Meine Oma setzte sich dazu und manchmal durfte ich sogar bleiben und zuhören. Weil unser Selbstgebrannter nicht der Erste war, den Fritz sich an diesem Tag hinter die Binde kippte, war er sehr gesprächig.
Und dann ging es dahin, mit Schnaps, Klatsch und Tratsch. Alles Mögliche wurde besprochen. Geheime Liebschaften, Raufereien, Tod und Teufel. Das dauerte mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger. Fritz war eine der wenigen Informationsquellen, die wir damals in den Dörfern hatten. Und er kannte intime Details.
Dann sagte meine Oma mit strengem Tonfall; „Jetzt hörst du aber weg, das ist nichts für dich, Kind!“ Jetzt sperrte ich meine Ohren erst recht auf, denn genau das war am interessantesten. Wenn die Berichterstattung abgeschlossen war, hatte er mindestens vier Stamperl intus und ich wunderte mich, wie er jeden Tag seine Runde ohne Unfall schaffte.
Wir waren nicht die Einzigen, die er mit Nachrichten versorgte und überall trank er ein Stamperl oder zwei. Trotzdem ist ihm nie etwas passiert. Ich habe meine Oma einmal gefragt, ob sie sich keine Sorgen macht, dass Fritz vor lauter saufen eines Tages nicht mehr kommt und es vorbei sein wird mit den interessanten Geschichten.
„Ach was“, lachte sie „erst, wenn er in Pension geht. Weil Betrunkene und Kinder haben einen ganz besonderen Schutzengel.“ Und sie sollte recht behalten.
© LoPadi
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