Angst

Jahrelang war mir nicht klar, warum ich unter Ängsten und Zweifeln litt. Meine Ängste hatten viele Gesichter. Versagensangst, Bindungsangst, Existenzangst, Angst vor der Zukunft. Manchmal schien mir die Ängste irrational und manchmal logisch. Sie waren nicht steuerbar. Sie kamen, wuchsen und lähmten mich. Körperlich fühlten sie sich immer gleich an. Im Brustkorb wurde es eng, das Herz raste und ich vergaß zu atmen.

Eines Tages stieß ich zufällig auf ein Interview zwischen einem populären österreichischen Kabarettisten und einer deutschen Journalistin. Es ging um Mutterschaft und Kinder. Interessiert hörte ich zu. Sie erzählte über ihren Spagat zwischen Karrierefrau und Mutter. Als sie die Ratschläge einer Still-Beraterin erwähnte, wurde ich hellhörig, denn von dieser Berufsbezeichnung hörte ich zum ersten Mal.  

Die Still-Beraterin empfahl ihr, das Baby so lange wie möglich zu stillen und begründete das wie folgt:
‚Die Geborgenheit im linken Arm der Mutter, den Kopf an ihrer Brust, nah dem Herzen, ist für die frühkindliche Bindung von großer Bedeutung. Wenn ein Baby schreit, braucht es Trost. Dann bekommt es das Gefühl; ich bin richtig! Wenn man es schreien lässt und sich nicht darum kümmert, erzeugt das beim Kind das Gefühl; ich bin falsch! Das zieht eine lebenslange Prägung nach sich. Weiters riet sie ihr, eine dreijährige Auszeit zu nehmen, um ganz Mutter sein zu können. Das sei für eine positive Entwicklung des Kindes unabdingbar. Der Ehemann habe die Aufgabe, sie dabei zu unterstützen und ihr den Rücken freizuhalten.
 
Das war für sie die Karrierefrau, ein völlig neuer und ungewohnter Ansatz. Aber am Ende hatte die Still-Beraterin sie überzeugt. Sie sagte im Interview: „Jetzt werden einige denken, na großartig, das muss man sich aber auch leisten können. Alleinerziehende Mütter haben es schwer. Aber hier wäre wieder einmal die Politik gefragt. Statt Krippen zu fördern, könnte man Mütter direkt unterstützen. Müssen Frauen, die in Partnerschaft leben, wirklich Geld verdienen, nur um für einen Zweitwagen zu arbeiten, mit dem sie den Nachwuchs zur Betreuung fahren? Nichts gegen Karriere, aber dann vielleicht vorerst ohne Kind“.

Was mich an diesem Interview bewegte, war, dass ich das Gefühl „ich bin falsch“, nur allzu gut kannte. Noch als ich ein Baby war, verließ mich meine Mutter und ich wuchs bei den Großeltern auf. Nie fühlte ich den schützenden Arm meiner Mama, nie ihre warme Brust und nie hörte mein kleines Ohr ihr Herz pochen. Bis zu meinem 21 Lebensjahr kannte ich sie nicht einmal.

Stattdessen waren Drohungen und ein rauer und gewaltsamer Umgang mit Kindern gebräuchliche Erziehungsmethoden. Die wild gestikulierenden, schreienden Erwachsene machten mir Angst. Die Angst vor finsteren Kellerräumen verlieh mir Flügel. Manchmal schien es mir, all renne ich um mein Leben. Vielleicht war das die Ursache für die Ängste und der ewigen Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe.

Mutter, aber auch Vater sein, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft. Ein Kind in Angst und Schrecken zu versetzen, sicher nicht.

©Lo Padi 2021

Beitragsbild: Pexels

11 Comments on “Angst

  1. Dieser Text ist sehr bewegend und auch mutig – ich denke, du hast sehr, sehr viel Positives in deinem Leben geschafft, trotz diesem Anfang. Und meine Devise ist, die Vergangenheit auch loslassen zu können, frei nach dem Motto: „Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben“. LG Hania

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  2. Tja, wo soll ich anfangen…
    Ich hatte diesen Ausspruch der anderen Kommentatorin auch gerade im Sinn: „Es ist nie zu spät, eine schöne Kindheit gehabt zu haben.“ Ich habe ihn erst kürzlich von dem Körpertherapeuten Dr. Andreas Stötter gehört und war erstaunt… Tatsächlich wusste ich nicht, dass man über Körperarbeit / Berührung die DNA umschreiben kann, aber dem scheint so zu sein. Andreas hat die Sache wissenschaftlich erforscht und das in fortgeschrittenerem Alter.
    Ich habe im Oktober begonnen, eine spezielle (Berührungs-) Massageform zu erlernen und wende davon bereits die Rückenmassage an. Es ist eine wunderbare Art der Berührung, für mich und die Person, die die Massage bekommt.
    Ich selbst bin relativ berührungsarm aufgewachsen, wenn auch nicht ganz so wie du. Meine Eltern waren da, aber sie berührten und brauchten vor allem einander, die Kinder waren manchmal lästig (weil zu jung bekommen, noch zu unreif dafür) und liebevollen Körperkontakt gab es kaum (was auch daran liegt, dass meine Mama von Missbrauch traumatisiert war oder ist).
    Ich habe den Eindruck, mit dieser Art Massage komme ich an. Sie erfüllt und gibt mir etwas ganz Wichtiges, das ich lange ersehnt hab, lange auch ohne dass mir das so richtig bewusst gewesen wäre.

    Insofern verstehe ich diesen Beitrag von dir sehr gut!
    Lebensläufe differieren und doch gibt es auch immer wieder berührende Gemeinsamkeiten, die einem das Gefühl geben nicht allein zu sein, dass auch andere einen schwierigen Weg gehen…

    Herzliche Umarmung 💞
    Marion

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    • Liebe Marion, so muss jeder auf seine Art und Weise seine Traumata bewältigen. Schön, dass Rückenmassage klingt natürlich sehr entspannend und wohltuend. Bei Berührungen bin ich sehr wählerisch. Ich meine damit WER mich berührt. Bis jetzt habe ich außer meinen Liebsten niemanden an meinen Körper herangelassen. (Massage etc…) So hat jeder sein „Lebensbünderl“ zu tragen. Lass es Dir gut gehen. Herzliche
      Grüße Lore

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      • Liebe Lore,

        ja so ist das. Und für jeden passt etwas anderes, jeder darf das seine finden.
        Es ist richtig und wichtig auf sich zu hören, wenn Körperkontakt nur in bestimmtem Rahmen angenehm ist. Es wäre kontraproduktiv, da drüber zu gehen.

        Danke, lass du es dir auch gut gehen.
        Herzliche Grüße
        Marion

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  3. Danke für diesen Beitrag!
    Meine Mutter wird am Donnestag beerdigt.
    Und ich kann diesbezüglich nur sehr schlecht mit Beileidsbezeugungen umgehen.
    A!s ich sie im Sommer das letzte Mal sah, wollte sie nicht mit mir reden – hielt sich die Ohren zu.
    Ich habe Angst davor, nicht trauern zu können.

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