Der Briefträger und sein Schutzengel

Eine Erzählung aus meiner Kindheit

Friesach, Österreich

1964–1964

Jeden Tag brauste er heran. Fritz der Briefträger. Mit seiner Puch MS 50. Meistens war er schon etwas unsicher auf den Rädern, versuchte aber trotzdem seine Würde zu bewahren. Er war sich seines Status bewusst, denn ein Briefträger war damals noch wer. Er war groß, von hagerer Statur und sah ziemlich durchschnittlich aus. Wie so viele damals trug er ein „Adi-Oberlippen-Bärtchen“. Ich fand das komisch, aber er fühlte sich sehr bedeutend damit.

Meine Oma, die im Übrigen außerordentlich neugierig war, wurde, bevor er kam, immer ganz unruhig. Sie konnte es fast nicht erwarten, ihn über die neuesten Gerüchte ausfragen zu können. Wenn es dann endlich so weit war, holte sie ein Stamperl aus der Kredenz und füllte es mit einem selbstgebrannten Obstler. Weil meine Oma klein war, musst sie sich immer recken und strecken, um die Schnapsflasche zu erreichen, denn die stand zur allgemeinen Sicherheit ganz oben am Geschirrschrank.

Auch ich war aufgeregt, denn der Briefträger brachte außer der Zeitung und einem oder zwei Briefe viele interessante Geschichten mit. Er war so was Ähnliches wie eine Dorfzeitung. Das liebte meine Oma, denn sie war, wie ich schon sagte, außerordentlich neugierig. Wenn dann der Fritz endlich vom Moped stieg und mit seiner großen schwarzen Posttasche vor ihr stand, strahlte sie ihn an und er strahlte mit leicht glasigem Blick zurück.

Danach überreichte er die Post, schmiss anschließend seine Tasche in die Ecke und ließ sich mit einem „ich bin so frei“ hinter dem Schnaps auf der Bank nieder. Meine Oma setzte sich dazu und manchmal durfte ich sogar bleiben und zuhören. Weil unser Selbstgebrannter nicht der Erste war, den Fritz sich an diesem Tag hinter die Binde kippte, war er sehr gesprächig.

Und dann ging es dahin, mit Schnaps, Klatsch und Tratsch. Alles Mögliche wurde besprochen. Geheime Liebschaften, Raufereien, Tod und Teufel. Das dauerte mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger. Fritz war eine der wenigen Informationsquellen, die wir damals in den Dörfern hatten. Und er kannte intime Details.

Dann sagte meine Oma mit strengem Tonfall; „Jetzt hörst du aber weg, das ist nichts für dich, Kind!“ Jetzt sperrte ich meine Ohren erst recht auf, denn genau das war am interessantesten. Wenn die Berichterstattung abgeschlossen war, hatte er mindestens vier Stamperl intus und ich wunderte mich, wie er jeden Tag seine Runde ohne Unfall schaffte.

Wir waren nicht die Einzigen, die er mit Nachrichten versorgte und überall trank er ein Stamperl oder zwei. Trotzdem ist ihm nie etwas passiert. Ich habe meine Oma einmal gefragt, ob sie sich keine Sorgen macht, dass Fritz vor lauter saufen eines Tages nicht mehr kommt und es vorbei sein wird mit den interessanten Geschichten.

„Ach was“, lachte sie „erst, wenn er in Pension geht. Weil Betrunkene und Kinder haben einen ganz besonderen Schutzengel.“ Und sie sollte recht behalten.

© LoPadi 

Beitragsfoto Pexels

2 Comments on “Der Briefträger und sein Schutzengel

  1. Wunderbar liebe Lore!
    Mit Genuss habe ich deine tolle Geschichte gelesen und kann nicht aufhören mit dem Schmunzeln 😉
    Bei euch früher Postbote gewesen zu sein, war sicher eines der schwersten Jobs bei dem großen Konsum an Selbstgebranntem. Gottlob, dass ihm da wirklich nichts passiert ist und er fähig war, den neuesten Tratsch mitzubringen 😉 Da fällt mir just ein…. es gibt doch ein Spiel namens „stille Post“. Da kommt am Ende auch eine völlig andere Geschichte raus und stimmt mit den Tatsachen am Anfang so gar nicht mehr überein. Euer damaliger Briefträger war dann wohl auch einer der Gründer dieses Spiels *lächel* Sehr amüsant!
    Ich wünsche dir einen wunderbaren Start in den Sonntag!
    Liebe Grüße
    Heike

    Gefällt 1 Person

  2. Das ist eine wunderschöne Geschichte. Ich habe sie gleich weiterempfohlen und da kam dann ganz begeistert: „Das ist ja wie bei den Schti’s!“. Nur ist diese Geschichte hier wirklich passiert.

    Die vergangenen Paradiese der Kindheit, die kenne ich auch. Als Kind bin ich jedes Jahr in den Sommerferien zu meiner Oma gefahren. Das Dorf war berühmt für seinen Quarzsand, es gab eine Glasfabrik und die Natur war wunderschön. Wir sammelten Preiselbeeren und Pfifferlinge. Meine Oma kochte eine Marmelade, die nie mehr übertroffen wurde.

    Später hat der Braunkohletagebau die Landschaft zerstört. Heute ist die Glasfabrik geschlossen und mein Geburtshaus verfällt. Aber die Kirche, in der mein Großvater, den ich nie kennengelernt hatte, gepredigt hatte und auf deren Orgel ich als erwachsener Mann ein Requiem für meine Mutter gespielt habe, steht noch.

    Gefällt 1 Person

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