Zweierlei Schnee

Wow! Wow! Wow. Ich kann mich nicht satt sehen, an der weißen Pracht. Seit Tagen schneit es. Der Himmel hat mein Flehen erhört. Nun ist er da. Feiner weißer Pulverschnee. Überall. Faszinierend, wie die Dinge rund um das Haus, unter den weißen Massen verschwinden. Bald lässt sich ihre Existenz nur mehr erahnen. Der Schnee verschluckt alles. Auch den Schall. Diese wunderbare Stille, wenn die weiche Decke alle Geräusche dämpft, die kleinen flaumigen Bällchen die von den Ästen schweben, wenn es zu eng wird, für all die vielen Flocken.

Die romantischen Spaziergänge, warm eingemummt in Winterkleidung. Die Schneebälle, wenn sie fliegen-die empörten Schreie und das ausgelassene Lachen der Menschen, wenn einer getroffen, geräuschlos in den Schnee plumpst. Rote heiße Wangen. Danach ein paar Kastanien in den Ofen, dampfenden Glühwein, Kuscheln.

Im Dunkeln das wilde Treiben der Flocken vor den Laternen. Autos – langsam und vorsichtig kaum zu hören. Gezähmt durch diese wunderbare Laune der Natur. Nachts, wenn ich aufwache und aus dem Fenster schaue, freue ich mich wie ein Kind, wenn die Schneedecke wächst und wächst. Die im Süden, die Schnee-losen beneiden uns um die weiße Pracht. Nicht auszudenken, wenn auch noch Weihnachten wäre, wie sollte man diese perfekte Inszenierung aushalten?

Ach was-Schnee von gestern. Blöde Romantik. Alles Quatsch. Der Schnee auf dem wir alle talwärts fahren. Scheiß Matsch, scheiß Verspätungen, scheiß schlechte Autofahrer. Autobahn gesperrt, vergessen zu tanken, Motor aus und frieren. Wer braucht das? Niemand. Ganz zu schweigen vom dauernden schaufeln. Das Kreuz tut weh. Die blöden Schneepflüge schieben den Dreck wieder zurück zu mir. Alles von vorne. Ich hasse es. Dann das Salz. Macht alles kaputt. Mein schönes Auto. „Vorsicht! Putz die Schuhe ab! Der Teppich.“ Streit. Alles nur wegen des blöden Schnees. „Lass den Hund nicht herein“- zu spät – schon hat er sich seines Schnees entledigt. Stinken tut er auch noch. „Das kannst jetzt Du sauber machen.“ Danach Funkstille. „Schau, da postet jemand wie toll der Schnee ist. Der spinnt doch. Wahrscheinlich Pensionist oder arbeitslos. Die haben ja keine Ahnung von der Realität.“

Nicht mal eine Schi Tour ist möglich. Lawinengefahr! Null Sicht. Schlittenfahren geht auch nicht. Da bleibt man stecken. Also wer braucht sowas? Ich nicht!

Kein Schnee im Tal, ein Meter am Berg – das ist ideal. Alles andere ist nur mühsam und alles im Leben hat zwei Seiten. Des einen Freud, des anderen Leid…und bei Euch?

© LoPadi

Café Craigher

Eines muss ich gleich vorausschicken. Als Jugendliche war ich eine Düse. Ich war bei jedem Sau austreiben dabei, neugierig und unerschrocken. Aufgewachsen bin ich wie ein Bub und habe mich auch immer so benommen. Am Bauernhof ist das keine Kunst, denn da haben die Männer das Sagen-zumindest außerhalb der Küche.

Die Erziehung kannte keine Kompromisse. Aber wie das halt so ist mit den Verboten, gerade die machen den Reiz aus. Als ich mit 15 meine Lehre begann, musste ich jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit und abends wieder retour. Als Bücherwurm las ich immer bis lange nach Mitternacht und am Morgen hatte ich das dementsprechende „Aug’“.

Jeden Morgen musste meine Oma mich unter Aufbringung all ihrer Kräfte aus dem Bett holen. Schließlich recht brutal, indem sie mir einfach die Decke wegzog. Das war im Winter nicht so toll, denn es hatte gefühlte null Grad im Zimmer und auf den Fensterscheiben wuchsen die Eisblumen. Dafür stand ein opulentes Frühstück am Küchentisch, dass ich, weil ich trotzdem immer zu spät dran war, kaum anrührte. Daraufhin war meine Oma jedes Mal beleidigt.

„Ich gebe mir so viel Mühe und Du?“, aber was sollte ich machen in meinem Stress … Danach raste ich quer über die Felder zwischen den Stacheldrahtzäunen hindurch zum Bus, den ich in regelmäßig versäumte. Dann stellte ich mich einfach selbstbewusst hin und stoppte bis zum Hauptplatz in der Stadt, wo der Bus eine viertel Stunde Stehzeit hatte. Das funktionierte meistens. Einmal hat mich ein Sattelschlepper bis vor den Bus gefahren. Da haben alle geschaut!

Abends, nach der Arbeit war eine Haltestelle vor den Café Craigher. Wieder eine viertel Stunde Pause. Ich sauste hinein in das Hinterstübchen des Cafés und gönnte mir bei einem Glas Wasser, Iron Butterfly, The Who oder Cozy Powell aus der Musikbox. Musik war mein Leben und ich setzte alles daran in der örtlichen Band „Mesozoikum“ zu singen, was mir später auch gelang. Manchmal gesellte sich der Herr Craigher-Senior persönlich zu mir, was mich immer freute, denn das war eine Ehre. Er nannte mich lächelnd „Gamsle“, weil ich wie eine Gams immer in Bewegung war und munter durch die Gegend sprang.

Herr Craigher hatte viel Verständnis für uns Jugendliche. Trotzdem duldete er nie, dass wir Drogen nahmen und in seinem feinen Café ausflippten. Da brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn uns genügte die Musikbox und uns war nur wichtig, dass sie immer die neuesten Hits ausspuckte. Ein Schilling für ein paar Minuten Glück. Das genügte uns. Zumindest beim Craigher. Woanders wurde natürlich auch gegiftelt, wie überall zu jener Zeit, aber als ehemalige Klosterschülerin war ich total gegen Drogen gepolt, was ich noch heute für eine glückliche Fügung halte.

Jeden Sonntag fuhr ich mit dem Bus offiziell zu meiner besten Freundin, war aber mit der ganzen Clique beim Craigher. Bis eines Tages mein misstrauischer Opa dort auftauchte. Herr Craigher versuchte mich zu warnen. Leider zu spät.

Aber das ist eine andere Geschichte

© LoPadi

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