Gehorsam oder Sieg

Mein Mann wurde Anfang der Vierzigerjahre geboren. Manchmal erzählt er von seiner Kindheit und Jugend in Schüttdorf/Zell am See. Es handelt sich um Kindheitserlebnisse nach dem Krieg. Diese Jahre waren geprägt von Aufbruchstimmung und dem Willen, dass die Nachkommen es einmal besser haben. Aus den Trümmern bauten die Eltern Neues auf. Wenn die Kinder etwas bekamen, so wurde erwartet, dass sie es schätzten und acht darauf gaben. Worüber man heutzutage lächelt, war damals normal.

Als Kind bekam er eine Schildkappe geschenkt, die aussah wie eine Kapitänsmütze. Die Mutter bläute ihm ein, diese nur ja nicht zu verlieren und darauf achtzugeben. Das merkte er sich, obwohl ihn seine Mitschüler wegen der ungewöhnlichen Mütze mit Schild und Ohrenschutz hänselten. Aber spottende Schulkameraden waren damals nicht die Rede wert. Man hatte andere Sorgen.

Im Dezember veranstaltete die Schule ein Skirennen. Die Ausrüstung war karg. Kapitänsmütze anstatt einer Haube. Die Mutter ermahnte ihn, sie nicht zu verlieren. In der Aufregung des Wettbewerbes war das schnell vergessen. Seine Aufmerksamkeit galt der Rennstrecke ausschließlich. Bald war er an der Reihe. Der Start und die ersten Schwünge gelangen ihm. Vor jedem Tor schaute er auf, um den Kurs im Auge zu behalten. Mitten auf der Strecke wurde ihm das zum Verhängnis.

Der Fahrtwind fegte ihm die Mütze vom Kopf. Weg war sie. Und wie reagierte er? Weiterfahren, einer guten Platzierung entgegen? Die Mutter enttäuschen? Die Entscheidung fiel nicht schwer. Er schwang ab und stapfte zurück. Keine Chance mehr auf den Sieg. Aber das war ihm egal. Es gab Wichtigeres. So lernte mein Mann früh, Prioritäten zu setzen.

Es waren härtere Zeiten. Vieles, was damals vorgefallen ist, war der strengen Erziehung geschuldet. Die Kinder wagten es nicht, den Eltern zu widersprechen oder sie zu enttäuschen. Strafen konnten schmerzhaft sein. Die vergaß man nicht. Heute ist das anders. Ob es besser ist? Ich weiß es nicht.

Titelbild KI

Schönen Sonntag
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